Mit Enthusiasmus und Selbstironie gegen die Klassik-Filterblase

Steven Walter hat im Blog des Podium Festivals gerade ein paar interessante Gedanken zur Selbstbezogenheit der Klassikszene aufgeschrieben. Das Problem der sog. Filterblasen (eigentlich ein neues Wort für «Elfenbeinturm»), in denen man sich permanent seiner eigenen Meinung versichert, ist natürlich in allen gesellschaftlichen Bereichen anzutreffen. Insbesondere der Politik, wo Meinungen, die mit der eigenen nicht kompatibel sind, solange es geht ausgeblendet oder – falls das nicht mehr möglich ist – skandalisiert werden. Wer eine typische Karriere in der Welt der klassischen Musik durchläuft, lernt nicht nur ein Instrument zu spielen, sondern bekommt auch ein bestimmtes «Mindset» mit auf den Weg. Steven schreibt:

Man wird nie mit anderen Haltungen zu Kunst und Kultur konfrontiert, oder gar mit Menschen, die den gesellschaftlichen Nutzen unseres Tuns grundsätzlich in Frage stellen. (…) Man hat recht, weil man Kunst macht. Man entwickelt elitäre Ansprüche an die Welt, nur weil man das nun viel geübt oder studiert hat. Und diese Haltungen werden niemals wirklich angezweifelt. Wir werden so zu einer kulturellen Arroganz erzogen, die sich in unseren WG-Gesprächen und Social Media Dunstkreisen erschreckend offenbart: die dumme Welt da draußen, die immer weiter verroht, immer dümmer fernsieht, immer schlechter Musik hört. Wir: die letzte Bastion des Guten und Wichtigen.

Was ist da also beispielsweise schon eine knappe Milliarde für einen Konzertsaal, wo doch ein paar Autobahnkilometer auch nicht für weniger zu haben sind? Warum es für die Klassikwelt wichtig ist, es sich nicht in den eigenen ästhetischen und kulturpolitischen Überzeugungen gemütlich zu machen, sondern die eigene Haltung durch andere, konträre Haltungen zu Kunst und Kultur herausfordern zu lassen, erklärt Steven mit einem musikalischen Bild:

Wenn also alles in meiner Welt unisono ist: wie zur Hölle schaffe ich Kontakt und Anschlussfähigkeit mit einer Welt da draußen, die offensichtlich in weiten Teilen ganz anderen Melodien folgt? Und seit dem Tonsatz-Grundkurs wissen wir: Harmonie ist nicht die Selbstwiederholung eines Materials, sondern ein Übereinanderliegen und Reiben gänzlich diverser Linien und Noten.

Wohl wissend, dass es sich nur um einen Anfang handeln kann, macht Steven fünf Vorschläge, die gegen die Filterblase helfen könnten. Ich würde noch einen sechsten hinzufügen wollen, den ich in der Kulturwelt allgemein viel zu oft viel zu sehr vermisse: Selbstironie. Dieser Vorschlag knüpft bei Stevens erstem Punkt an, der Erkenntnis, sich überhaupt in einer Blase zu befinden. Denn Selbstironie schafft Distanz – zu einem selbst und zum eigenen Tun. Sie ist damit eine eine wichtige Voraussetzung zu der geforderten Selbsterkenntnis. Wer selbstironisch sein kann, erkennt an, dass er in die Widersprüchlichkeiten und Verwerfungen verwickelt ist, die er ablehnt und kritisiert und von denen er die eigene Filterblase so gern freihalten würde. Wer zur Selbstironie fähig ist, der kann über sich selbst lachen und über das Scheitern an den eigenen Ansprüchen und Idealen und er weiß um die Ohnmacht der Kunst. Selbstironie widerspricht natürlich bis zu einem gewissen Grad dem Enthusiasmus, den Steven fordert, denn es liegt im Wesen des Enthusiasmus, distanzlos zu sein. Also muss man versuchen, Selbstironie und Enthusiasmus unter einen Hut zu bekommen. Beim Weg aus der Filterblase verheddert man sich also praktisch zwangsläufig in Widersprüche. 😉

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