3 x Elbphilharmonie

Eigentlich ist ja zur Elbphilharmonie mittlerweile so ziemlich alles gesagt. Nur noch nicht von jedem. Deswegen hier ein paar paar Eindrücke von meinen ersten Besuchen.

Bis zu meinem ersten Besuch am 15. Januar kannte ich die Elbphilharmonie immer nur aus der Ferne. Gefühlt sind es etwa sechseinhalb Standorte in der Stadt, von denen aus man das neue Hamburger Wahrzeichen einigermaßen gut sehen kann. Weder der Standort, noch die filigrane Bauweise machen die Elphi zu einem wirklich markanten Gebäude. Dieser Eindruck ändert sich allerdings, je mehr man sich ihr nähert. Wenn man dann direkt davor steht, wirken der klotzige Kaispeicher und die glatten, steil hochragenden Fronten sehr hermetisch. Der Eingangsbereich ist klein und unscheinbar und überhaupt wirkt alles erst einmal sehr eng: Die Röhre mit der Rolltreppe, auf der sich das bewährte Prinzip «rechts stehen, links gehen» leider noch nicht herumgesprochen hat, die verwinkelten, unregelmäßig gestuften Treppen und engen, unübersichtlichen Foyers mit wenig Sitzgelegenheiten für das eher betagte Publikum. Sobald der Saal geöffnet ist, verläuft sich das allerdings schnell und es wirkt nirgends mehr voll, weder drinnen, noch in den Foyers. Optisch wirkt der Saal grauer und stumpfer als auf den brilliant glitzernden PR-Fotos, die ich bis dato gesehen hatte. Das Motto Offenheit hat ja zur Zeit Konjunktur in Kultureinrichtungen. Auch die Elbphilharmonie wirbt damit. Einmal natürlich im Sinne von «überhaupt endlich mal eröffnet», aber auch im Sinne einer steuerfinanzierten Kulturstätte für alle. Die Architektur symbolisiert diesen Anspruch jedoch nicht.

Eröffnet, aber hermetisch: Die Elbphilharmonie

Eröffnet, aber hermetisch: Die Elbphilharmonie

Und dann der Klang? Der ist allerdings hervorragend! Bei meinen bislang drei Besuchen habe ich immer auf billigen Plätzen ganz oben gesessen. Aber ich kenne keinen Saal, in dem man auf diesen Plätzen einen so präsenten, differenzierten Orchesterklang hat. Das ändert natürlich nichts daran, dass es – wie Hartmut Welscher schreibt (Nr. 7) – auch eine Geschmackssache ist und sich für unterschiedliche Stücke unterschiedlich gut eignet. Bei Richard Strauss’ Don Juan (Chicago Symphony Orchestra am 15. Januar) beispielsweise war ich echt geflasht. Trotz komplexem Orchestersatz hört man ALLES. Die Holzbläsersoli (Oboe, Klarinette) kamen wunderbar zur Geltung, als hätte man sie per Mixer nach vorne geholt. Selbst im größten Getöse kann man die Triangel oder das Glockenspiel ausmachen. Das war wirklich faszinierend. Bei Tschaikowskys Vierter nach der Pause war das nicht mehr ganz so überwältigend: Die Streicher, in gleichgroßer Besetzung wie beim Strauss, dominierten das Klangbild, das Trompeten- und Posaunengeschmetter war teilweise fast schmerzhaft grell und wurde von der linken Saalseite kalt zurückgeechot. Das mag einerseits mit der berühmt-berüchtigten Blechfraktion des Chicago Symphony Orchestras zu tun haben, andererseits ist die Akustik im Saal einfach sehr höhenlastig und das Glasklare des Klangs kippt ab einer gewissen Lautstärke ins Klirrende. Dennoch: Eine Woche später spielten die Wiener Philharmoniker Mahlers auch nicht immer ganz leise 1. Symphonie und hier empfand ich das Klangbild als wesentlich weicher und angenehmer.

Am vergangenen Montag habe ich dann noch die Staatskapelle Dresden mit einem Wagner-Programm gehört. Ich war zwar wieder über die Akustik erstaunt, insbesondere darüber, wie gut ich die Sänger noch hören und verstehen konnte, obwohl ich seitlich oberhalb des Orchesters saß (Bereich 16X). Aber für Wagner und speziell für Wagner, wie Thielemann ihn dirigiert, finde ich die Akustik ungeeignet. Bei «Winterstürme wichen dem Wonnemond» zum Beispiel ist die glasklare Akustik verhängnisvoll. Man hört das Pling-Plong der Harfen, das Tuten der Holzbläser, die kreiselnden Streicherbewegungen, aber da mischt sich nichts zu einer Farbe oder Klangstimmung, es entsteht kein Klangzauber, nichts Mysteriöses, nichts von wegen Illusionsästhetik. Dazu kommt, dass Thielemann bei Übergängen meist auf die Bremse geht und sie gern als ausufernde Rubati und Ritardandi gestaltet. Wie ausufernd, ist seinen furtwängelnden Bewegungen nicht immer klar zu entnehmen und so sind die «a Tempo»-Einsätze oftmals nicht ganz präzis. Die Elbphilharmonie ist da gnadenlos. Da hört man jeden Einsatz, bei dem das Orchester nicht 100%-ig zusammen ist und das waren dann doch etliche.

Ein anderes Phänomen, über das auch schon viel geschrieben wurde, ist, dass der Saal wie ein Kompressor wirkt: Jedes kleine Geräusch ist hörbar. Ein Konzert zu hören, ist daher ein bisschen, wie eine staubige Vinyl-Platte aufzulegen: Es knistert die ganze Zeit mehr oder weniger leise nebenbei. Wenn jemand auf der anderen Seite des Saales hustet, denkt man zunächst, es muss ein Besucher vier Plätze weiter in der eigenen Reihe sein. Das macht es auch schwierig, ein richtiges Pianissimo zu erzeugen. Die Orchester auch Wien und Dresden haben das erstaunlich gut hinbekommen. Beim Chicago Symphony war kaum etwas unterhalb eines gesunden Mezzofortes.

Insgesamt betrachtet sind das jedoch Kleinigkeiten. Dass die Rede vom «Klangweltwunder» ein bisschen viel der Vorschusslorbeeren war, war klar. Aber ein toller Saal ist die Elphi trotzdem geworden. Jetzt bin ich noch gespannt auf den nächsten Besuch Ende Februar, für den ich einen guten Platz habe. Mal gucken, inwieweit der Klang dort noch besser ist.

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