Rückblick aufs Symposium an der Uni Regensburg

Auf Twitter habe ich schon etwas gespoilert: Das Symposium an der Uni Regensburg zum Thema «Die Zukunft des Kulturbetriebs in der digitalisierten Gesellschaft» war wirklich gut und interessant. Interessant war allein schon der Titel, weil er offen lässt, ob sich denn der Kulturbetrieb in einer digitalisierten Gesellschaft überhaupt selbst auch digitalisieren müsse. Normalerweise wird das ja als Selbstverständlichkeit vorausgesetzt und es gibt kollektives Haareraufen, wie schlimm Deutschland hinter dem Rest der Welt herhinkt und wie schlimm der Kultursektor hinter dem restlichen Deutschland hinterherhinkt. Hier war es ein etwas nüchternerer Blick: Die Digitalisierung ist ein Phänomen, mit dem man sich beschäftigen muss, aber die Schlussfolgerungen für das eigene Handeln liegen keinesfalls so sehr auf der Hand, wie immer der Anschein erweckt wird.

Wenn von Digitalisierung im Kultursektor die Rede ist, dann geht es meistens um die digitale Kommunikation, also Social Media und Urheberrechtsfragen, manchmal auch um Suchmaschinenoptimierung, Augmented Reality oder Crowdfunding und selten um Newsletter (ich erlaube mir mal, etwas plakativ zu sein). Es war vor diesem Hintergrund ein Verdienst des Symposiums, einen interdisziplinären, also sehr breiten Ansatz zu wählen. Zum Start des Symposiums, den ich leider verpasst habe und über den ich nur aus zweiter Hand berichten kann, wurde ein eKulturportal vorgestellt, das an der Uni Regensburg entwickelt worden ist. So wie ich das verstanden habe, steht hier nicht die (externe) Kommunikation im Vordergrund, sondern die unternehmensübergreifende Prozessgestaltung und -optimierung von Veranstaltern und Produzenten von Bühnengastspielen. Auch dem Vortrag von Martin Lätzel lag ein sehr umfassendes Verständnis von Digitalisierung zugrunde. Er beschrieb die Herausforderungen, die die Kultur der Digitalität in dem Verständnis von Felix Stalder für die Kulturpolitik bedeutet. Um die kulturpolitischen Herausforderungen der Digitalisierung ging es auch in den Vorträgen von Sebastian Knopp, Clustermanager der Regensburger Kultur- und Kreativwirtschaft, und einem Mitarbeiter der Stadt Stuttgart. Leider weiß ich seinen Namen nicht mehr, da er spontan für einen erkrankten Redner eingesprungen war und somit nicht auf dem Programmzettel zu finden ist. Während Knopp die Perspektive der Kreativunternehmer darstellte, zeigte der Herr aus Stuttgart, wie die Stadt bürgerorientiert und umfassend das kulturelle Programm über eine einheitliche Datenbank präsentiert. Das waren keine bahnbrechenden neuen Erkenntnisse, die hier vorgetragen wurden, aber die Präsentationen zeigten, dass die Digitalisierung durchaus ein Thema ist, mit dem sich die Kulturpolitik in verschiedener Hinsicht beschäftigt.

Daniela Seitz versuchte die Rolle von Museen in einer digitalisierten Gesellschaft sehr breit zu definieren, vielleicht etwas zu breit. In meinen Augen waren ihre Erwartungen an die Kultureinrichtungen ziemlich überhöht: In Zeiten von Flüchtlingskrise und AfD im Bundestag und ihrer Ansicht nach allgegenwärtigem Rassismus, Sexismus und Homophobie solle Kunst gegensteuern und als moralische Anstalt für Toleranz, Solidarität und linke Weltsicht wirken. Das ist natürlich gut gemeint, aber eine Politisierung von Kultur, die mir zu weit geht. Kunstfreiheit schließt auch die Freiheit mit ein, bei der guten Sache nicht mitmachen zu müssen und seinen Auftrag innerhalb sehr weit gesteckter Grenzen selbst zu definieren.

Zwei Vorträge beschäftigten sich intensiv damit, wie Digitalisierung selbst zum Gegenstand inhaltlicher Auseinandersetzung wird. Das ZKM Karlsruhe stellte sein Vermittlungsprogramm BÄM vor, dass sich ganz analog und «hands on» mit dem Thema Digitale Medien beschäftigt. Da wird gelötet und gebastelt und die sonst so wenig greifbare, unsichtbare Digitalisierung zu einem ganz handfesten Phänomen. Sehr interessant war auch der Vortrag von der Dramaturgin und Festivalleiterin Susanne Schuster, in dem sie aufzeigte, wie digitale Elemente Teil von Aufführungen werden und zugleich Thema, Interaktions- und Reflexionsraum bieten.

Natürlich ging es auch um Kommunikation. Birgitta Borghoff stellt ihre Forschung zum Thema Entrepreneurial Storytelling vor. Sie machte deutlich, dass Storytelling (zumindest in diesem Zusammenhang) allerdings nicht nur mit Kommunikation zu tun hat, sondern im Kontext einer einer Gründung auch ein gestalterischer, eben unternehmerischer, Prozess ist. Mit dem Wortspiel «Wortschöfpung ist Wertschöpfung» brachte sie diesen Gedanken auf den Punkt. Ich selbst durfte das das Forschungsprojekt «Moving pictures moving audiences» vorstellen, zu dem im Oktober ein Artikel in der Zeitschrift für Kulturmanagement erscheinen wird.

Hannes Tronsberg von actori schilderte die Digitalisierung aus der Perspektive des Strategieberaters. Er zeigte auf, dass Kultureinrichtungen die Digitalisierung bislang nur auf der Prozessebene anwenden und die Bereiche Angebot und Vermarktung nur in seltenen Fällen wirklich umfassend berücksichtigt werden. Während große finanzstarke Kulturmarken (man denke an die digitalen Angebot der Met oder der Berliner Philharmoniker) und kleinere, stark spezialisierte Nischenanbieter die Digitalisierung für sich nutzen können, dürfte sie insbesondere für inhaltlich breit aufgestellte, regional verankerte Kultureinrichtungen ein ziemliches strategisches Problem werden.

Fazit: Ein interdisziplinärer Blick auf die Digitalisierung im Kultursektor ist eine lohnenswerte Angelegenheit. Das Symosium machte deutlich, dass Digitalisierung weit mehr ist als Social Media und Newsletter. Zugleich wurde auch klar, dass das «Next Big Thing» in Sachen Digitalisierung nicht aus dem deutschen Kulturbetrieb kommen wird und wir erst ganz am Anfang einer großen Entwicklung stehen. Allerdings gibt es auch schon viele kleine und größere Projekte und Initiativen, die das Thema ideenreich bearbeiten. Das Symposium war daher in meinen Augen eine rundum interessante und gelungene Veranstaltung mit einem sehr differenzierten Blick auf das Thema. Etwas mehr Werbung hätte es vertragen können, denn es war doch ein recht überschaubarer Teilnehmerkreis von ca. 30 Personen. Da wäre sicher mehr gegangen. Zumal eine Reise nach Regensburg auch immer lohnt.

4 Kommentare

  1. Danke für die Zusammenfassung, Christian. Was bedeutet es, „dass Kultureinrichtungen die Digitalisierung bislang nur auf der Prozessebene anwenden und die Bereiche Angebot und Vermarktung nur in seltenen Fällen wirklich umfassend berücksichtigt werden.“
    Digitalisierung heißt ja, ich implementiere digitale Technologien in meine Prozesse. Auf welcher Ebene kann die Digitalisierung noch Anwendung? Und ist es nicht so, dass gerade im Bereich Vermarktung die Digitalisierung auch in Kultureinrichtungen Einzug gehalten hat? Wenn ich Facebook nutze, um auf meine nächste Produktion hinzuweisen, ist das doch Vermarktung, oder?

    BÄM ist für mich eine ganz wichtige Initiative, die zeigt, welche Rolle Kultureinrichtungen im Prozess der Digitalisierung spielen können. Digitales und analoges Machen muss zur Selbstverständlichkeit werden, schließlich nutzen wir heute schon digitale Tools, um unser analoges Leben zu organisieren und zu gestalten. Oder ist es noch eine Erwähnung wert, wenn wir auf dem Smartphone schauen, wann der nächste Bus kommt?

    Die Digitalisierung führt aber auch zu ganz anderen Fragen, nämlich, wie die Strukturen zukünftig aussehen? Werden Kulturbetriebe auch weiterhin die Abteilungen haben, die sie heute haben oder ist es nicht so langsam an der Zeit, dass man die Organisationsstrukturen an das stark projektorientierte Arbeiten anpasst und Modelle entwickelt, die die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vor dem täglichen Meeting-Wahnsinn schützen. Das sind doch Abläufe, die viel Zeit und Geld kosten und die sich deshalb Kultureinrichtungen gar nicht leisten können.

    • Hallo Christian, danke für den Kommentar. Hannes Tronsbergs Ausführungen zu den verschiedenen Stufen habe ich tatsächlich arg knapp gehalten im Blogbeitrag, so dass das etwas widersinnig erscheinen mag. Hannes hat in seinem Vortrag drei Stufen der Digitalisierung postuliert. Die erste ist die Einbindung der Digitalisierung in die Arbeitsprozesse. Das ist hier mit Prozessebene gemeint und meint eigentlich erstmal nur die Verwendung von Mails, digitaler Datenverarbeitung usw. Hannes hat Facebook-Werbung auch hier zugeordnet, weil er meinte, dass die meisten Kultureinrichtungen Facebook nur als Verlängerung ihrer analogen Werbung nutzen, so wie sie jetzt Mails statt Briefen schreiben. Digitalisierung auf Vermarktungsebene setzt dann in seinem Verständnis etwas mehr voraus, er nannte hier UX-Fokus, datengetriebenes Marketing oder VR-Showrooms – also Vermarktungsformen, die nur mit digitalen Medien überhaupt möglich sind. So ist das hier zu verstehen. Das wird zugegebenermaßen nicht deutlich in meinem Beitrag. Am Ende steht dann das inhaltliche, digitale Angebot. Und hier sind dann nicht abgefilmte Theater- oder Opernaufführungen gemeint (wie wir sie auch schon im analogen Fernsehen hatten), sondern ein inhaltliches Angebot, das spezifisch für den digitalen Raum erstellt wurde wie die Digital Concert Hall.
      Was die Frage der Strukturen angeht gebe ich dir Recht. Das ist eine zentrale Frage. Auf dem Symposium spielte sie bei den Vorträgen zur kulturpolitischen Praxis (Knopp und der Mann aus Stuttgart) eine gewisse Rolle, ansonsten eher weniger, da es wenig Beiträge gab, die mit der Managementbrille auf das Thema geguckt haben.

  2. Danke für die Zusammenfassung. Das Symposium hätte in der Tat etwas mehr Aufmerksamkeit verdient, zumal viele Kultureinrichtungen weiterhin den eigenen Ansprüchen und der digitalen Gesellschaft des 21. Jahrhunderts hinterherhinken. Ich wäre gerne dabei gewesen, wenn ich davon gewusst hätte.

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