Die 10 wichtigsten Bücher zu Kulturmanagement und Digitalisierung

Letztes Jahr habe ich für das Institut für Kultur- und Medienmanagement einen Studienbrief (Lehrbuch für die Fernstudenten) über digitale Kommunikation in Kultureinrichtungen geschrieben. In dem Zuge habe ich mir natürlich auch einen Überblick über die Fachliteratur zu dem Thema verschafft. Diesen Überblick wollte ich schon lange einmal für mein Blog zusammenfassen. Ich hatte auch schon einen Artikel angefangen, der dann aber doch erstmal liegen geblieben ist. Jetzt war es mir ein willkommener Prokrastinations-Anlass, ihn fertig zu stellen. Die Kriterien für meine Auswahl sind natürlich radikal subjektiv. Deswegen gleich die Frage: Was würdet ihr ergänzen oder ersetzen?

Scheurer/Spiller (Hrsg.): Kultur 2.0. Neue Webstrategien für das Kulturmanagement im Zeitalter von Social Media, Bielefeld 2010

Janner/Holst/Kopp (Hrsg.): Social Media im Kulturmanagement. Grundlagen, Fallbeispiele, Geschäftsmodelle, Studien, Heidelberg 2011

Die beiden Sammelbände der stARTconferences 2009 und 2010 können bis heute als Grundlagenwerke gelten: Was die theoretischen und übergeordneten Perspektiven auf das Thema angeht, haben beide Bände ihre Gültigkeit nicht verloren. Aufsätze wie die von Simon A. Frank, Sabria David, Gregor Hopf, Patrick Breitenbach im ersten und Carsten Winter, Stephan Sonnenburg und Christof Breidenich im zweiten Band sind immer noch aktuell und lesenswert. In Bezug auf die Anwendungsmöglichkeiten und –beispiele sowie Funktionen konkreter Dienste sind beide Werke mittlerweile natürlich hoffnungslos veraltet (der zweite Band ist dafür mittlerweile aber auch zu einem Drittel des ursprünglichen Preises erhältlich). Aber diese Tatsache ist mitunter auch sehr aufschlussreich, weil sie zeigt, wie rasant (oder auch nicht) sich dieses Thema in den vergangenen Jahren weiter entwickelt hat. Viele Dienste, die dort thematisiert werden, haben sich stark verändert (z.B. Facebook inkl. Facebook-Werbung), andere sind ganz verschwunden (z.B. Foursquare, Second Life), Dienste wie Instagram, SnapChat oder WhatsApp waren ganz neu oder wurden erst später gegründet und spielten noch keine nennenswerte Rolle. Viele Anwendungsbeispiele, die damals innovativ erschienen, sind heute selbstverständliche Praxis in vielen Kultureinrichtungen.

Wagner (Hrsg.): Jahrbuch für Kulturpolitik 2011. Digitalisierung und Internet, Essen 2011

Ähnlich verhält es sich mit einem weiteren Grundlagenwerk aus dieser Zeit, dem Jahrbuch für Kulturpolitik 2011. Es enthält an die 50 Beiträge zu Themenbereichen wie Öffentlichkeit, Kunst und Digitalisierung, Digitalisierung als Herausforderung für die Kulturpolitik, Internet und Digitalisierung als Aufgabe für Kulturinstitutionen, einen Abschnitt zum Thema Gaming (Spielkulturen) sowie zum Urheberrecht. Da es nicht so fallstudienlastig und praxisbezogen ist wie die Tagungsbände, sondern die Themen mehr aus der Metaperspektive betrachtet, ist das Buch insgesamt jedoch aktueller geblieben.

Schuster/Kummler: Kulturschaffende und der digitale Wandel. Ein Praxishandbuch zu Social Media und Digitalisierung mit nützlichem Hintergrundwissen. Luzern 2018

Wer ein aktuelles Buch zu Tools und Techniken der Social Media-Kommunikation sucht, der ist mit dem Ende 2018 erschienenen Buch von Clemens Schuster und Barbara Kummler gut bedient. Neben einer knappen theoretischen Einleitung gibt das knapp 200 Seiten starke Buch einen Einblick in aktuelle Trends, die Konzeption einer Social Media-Strategie, das Communitybuilding sowie die verschiedenen, heute zur Verfügung stehenden Tools und ihre Einsatzmöglichkeiten. Das Buch richtet sich grundsätzlich an Einsteiger, hat aber auch für alte Social-Media-Hasen noch Neues zu bieten. Im Tausch gegen eine E-Mail-Adresse kann man sich die PDF-Version kostenlos schicken lassen, zum Preis von 40 Schweizer Franken gibt es das Buch auch gedruckt.

Visser/Richardson: Digital Engagement in Culture, Heritage and the Arts, 2013

Für mich DER Klassiker zum Thema Social Media in Kultureinrichtungen. Das Buch kann man unter dem oben angegebenen Link kostenlos herunterladen, nicht einmal eine E-Mail-Adresse wird abgefragt. In dem Buch wird sehr anschaulich ein Modell zur Entwicklung von digitalen Strategien im Kulturbereich vorgeschlagen. Die besondere Stärke des Modells liegt in meinen Augen darin, dass zunächst in ganz klassischer Kulturmanagementlogik entwickelt wird, was ein Haus oder einen Künstler auszeichnet und was die eigene künstlerische Arbeit ausmacht. Erst dann kommen weitere Überlegungen dazu, wie und wo man dafür das richtige Publikum findet und eine Brücke von der eigenen Arbeit zu diesem Publikum schlagen kann. In meinen Augen ist das eBook damit sehr anschlussfähig an die Denke von Künstlern und Kulturschaffenden. Auch diese Publikation wird dieses Jahr bereits sechs Jahre alt. Da es aber vor allem um das strategische Vorgehen und weniger um konkrete Tools und praxisbezogene Tipps geht, spielt das keine Rolle.

Vogelsang/Minder/Mohr: Social Media für Museen. Ein Leitfaden zum Einstieg in die Nutzung von Blog, Facebook, Twitter & Co für die Museumsarbeit, Luzern 2011

Vogelsang/Kummler/Minder: Der digital erweiterte Erzählraum. ein Leitfaden zum Einstieg ins Erzählen und Entwickeln von Online-Offline-Projekten im Museum, Luzern 2016

Zwei weitere Bücher zum Thema digitale Strategien sind aus dem Forschungsprojekt audience+ der Hochschule Luzern hervorgegangen. Anders als bei Vissers und Richardsons generischem Modell, liegt hier der Fokus auf der Strategieentwicklung von Museen und der Ansatz – zumindest des zweiten Bandes – lässt sich auch nicht ohne Weiteres auf die Performing Arts übertragen. Der erste Band bietet einen guten Schritt für Schritt-Einstieg in das Thema für Anfänger. Der zweite Band ist sehr viel spezifischer und legt einen Schwerpunkt auf das Storytelling in Zusammenhang mit digital erweiterten Museumsräumen. Mit diesem Ansatz macht das Buch sehr schön deutlich, dass die Trennung von künstlerischer Konzeption und nachgelagerter Kommunikation durch die Digitalisierung obsolet wird. Die Grenzen sind fließend.

Shirky: Here come everybody. The Power of Organizing Without Organizations, New York 2009

Clay Shirkys Buch ist eigentlich kein Buch zum Thema Kulturmanagement und Digitalisierung. Es ist streng genommen noch nicht einmal ein Buch zur Digitalisierung. Trotzdem kommt man in meinen Augen an diesem Buch nicht vorbei, wenn man das Phänomen Digitalisierung verstehen will. Merkwürdigerweise ist es bis heute nicht auf deutsch erschienen. Aber man kann es auch auf englisch sehr gut lesen, da Shirky viele Beispiele benutzt und ein Talent hat, theoretische Sachverhalte sehr anschaulich und verständlich darzustellen. Im Grunde lassen sich Shirkys Ausführungen darauf zurückführen, dass die Digitalisierung die Transaktionskosten hat kollabieren lassen. Manche Branchen müssen dadurch komplett neue Geschäftsmodelle finden, weil sich durch diesen Umstand an vielen Transaktionen kein Geld mehr verdienen lässt (man denke an Verlage und Musiklabels). Und andererseits entstehen durch die Verbilligung von Transaktionen neue Möglichkeiten ungeahnten Ausmaßes.

Stalder: Kultur der Digitalität, Berlin 2016

Ebenfalls ein wichtiges Grundlagenbuch ist Felix Stalders Kultur der Digitalität. Auch dieses Buch beschäftigt sich nicht im engeren Sinne mit Kulturmanagement und Digitalisierung, ist aber unvermeidlich, um Digitalisierung (oder wie Stalder es eben genauer sagen würde: Digitalität) als Phänomen zu verstehen. Stalder beschreibt zunächst die Voraussetzungen der Digitalisierung und macht deutlich, dass es gar nicht so sehr die digitale Technologie selbst ist, die so viel verändert. Die Technologie ist in seinen Augen vor allem deshalb so erfolgreich geworden, weil sie die Erfordernisse und Bedürfnisse einer Gesellschaft perfekt bedient, die sich schon seit Beginn des 20. Jahrhunderts rapide verändert hatte. Damit erklärt sich auch der etwas sperrige Terminus «Digitalität». Denn mit diesem Begriff soll nicht nur ein informationstechnisches Phänomen beschrieben werden, sondern die zugrundeliegenden sozialen, ökonomischen und gesellschaftlichen Mechanos, die Digitalisierung überhaupt erst möglich und sinnvoll machen. Zentrale Formen der Digitalität sind für Stalder die Referentialität, die Algorithimizität und Gemeinschaftlichkeit. Im letzten Abschnitt schließlich widmet er sich den politischen Problemen, die aus der Digitalisierung erwachsen.

Wer jetzt durchgezählt hat, wird festgestellt haben, dass ich hier nur neun Bücher aufgeführt habe, im Titel aber 10 Bücher verspreche. Dass das zehnte Buch fehlt hat den Grund, dass daran gerade noch gearbeitet wird. Im Laufe des Jahres soll aber ein kleiner Sammelband mit dem Titel Kultur in Interaktion erscheinen. «Kultur in Interaktion» war auch das Motto des letztjährigen Hamburger stARTcamps. Kathrin Passig hatte in ihrem Vortrag festgestellt, dass es bislang noch recht wenig bis gar nichts zu dem Thema Co-Creation im Kulturbereich zu finden ist und an die Teilnehmer des Camps appelliert, dass sie möglichst alles dazu aufschreiben sollten. Die Idee dieses Bandes ist es, das jetzt auch zu tun. In Kürze dann mehr dazu.

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Wie wird man Kulturmanager?

Zunächst einmal ein frohes neues Jahr und viel Erfolg und alles Gute für 2019!

In der Ausgabe der Süddeutschen Zeitung vom vergangenen Wochenende ist unter der Überschrift Die Möglichmacher ein Artikel erschienen, der einen guten Überblick gibt, was man heute als Kulturmanager können muss, wie sich das Berufsbild geändert hat und weiter ändert und welche Ausbildungsmöglichkeiten es gibt. Im Zuge der Recherchen hat die Redakteurin im vergangenen Herbst auch mit mir gesprochen und meine Prognose zur digitalen Zukunft des Fachs übernommen:

Holst sieht das Kulturmanagement der Zukunft als „Knotenpunkt“, in dem sich der digitale Austausch zwischen kreativen Künstlern und kreativem Publikum bündeln könnte.

Leider gibt es noch viel zu wenige Beispiele, wie so etwas konkret aussehen könnte. Einen kleinen Eindruck gibt die Aktion eines Künstlerkollektivs, das letztes Jahr das MoMA digital gekapert hat. Warum solche Aktionen nicht viel öfters und viel gezielter auch im Einvernehmen veranstalten?

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Co-Creation: Kulturtempel als Selbstbedienungsläden

Einen Tag vor der Eröffnung der Bayreuther Festspiele 2015 wurde der erste Tweet im frisch eröffneten Twitter-Account @BayreuthFest veröffentlicht:

Morgen gehen die Bayreuther Festspiele los. Dieses Jahr wagen wir den Schritt weiter in den neuen Medien: Hallo Twitter!— BayreutherFestspiele (@BayreuthFest) 24. Juli 2015

Die Komische Oper Berlin, die selbst schon seit längerer Zeit auf Twitter aktiv war, begrüßte die Festspiele und wünschte viel Erfolg. Die Süddeutsche Zeitung, der Bayerische Rundfunk, ZEIT online und andere erwähnten den Account und griffen die dort verwendeten Hashtags für die eigene Berichterstattung auf. Auch bei Wagner-Fans fand der Account sofort Anklang: Zwei Tage nach dem ersten Tweet zählte @BayreuthFest bereits 500 Follower, am Ende des Festspielsommers waren es 1.500.


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Die Elphi als Hamburgs «Eventbude»

Vor einiger Zeit hatte Ute Vogel auf Facebook eine Debatte darüber gestartet, ob es respektlos ist, am Ende von Aufführungen schnell zu verschwinden oder ob man nicht bis zum Ende des Applauses dableiben und klatschen sollte. Ich war und bin dafür, dass man auch gleich gehen darf, sei es, weil man auf Klo muss, einen Zug kriegen will oder den Abend in meditativer Stille nachklingen lassen möchte. Das muss nichts mit Respektlosigkeit gegenüber den Künstlern zu tun haben. Ich war allerdings eher auf verlorenem Posten mit dieser Meinung.

Letzte Woche musste ich an diese Diskussion denken, als ich ein Konzert von Nataša Mirković und Matthias Loibner im kleinen Saal der Elphi besuchte. Wenn es respektlos ist, direkt nach dem Ende des Konzertes zu gehen, fragte ich mich, was ist dann das richtige Adjektiv für das Verhalten des Publikums hier? Mehr…

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stARTcamp Sion – Die Dokumentation ist da!

Im vergangenen November haben wir in Sion im Wallis erstmals ein mehrsprachiges stARTcamp durchgeführt: Ein Teil der Sessions wurde auf deutsch angeboten, ein Teil auf französisch. Die Schweizer sind natürlich geübt sind, mit der Mehrsprachigkeit umzugehen, insofern funktioniert so etwas auch ganz unkompliziert und selbstverständlich. Manche Routine – in mittlerweile 30 stARTcamps eingespielt – wird aber dennoch über den Haufen geworfen. Zum Beispiel dauert die Begrüßung (logischerweise) bedeutend länger, wenn alles in zwei Sprachen angekündigt werden soll. Die Eröffnung lässt sich bei 50 Teilnehmern dann einfach nicht in einer halben Stunde durchziehen. Muss auch gar nicht. Ich fand, dass es dem Format sehr gut tut, wenn es mal anders ist und es sich weiterentwickelt. Auch wenn ich nicht viel Französisch verstehe, so kamen mir die Fragen und Probleme der Kultureinrichtungen in der Romandie doch bekannt vor: Immer wieder kam die Ressourcenfrage zur Sprache. Man würde gerne mehr machen, als mit den gegebenen Ressourcen möglich ist. Auch die strategische Einbettung von Social Media in andere (Kommunikations-)Aktivitäten scheint mir vielerorts nach wie vor eine Baustelle zu sein. Mehr…

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Conversation is King

Bill Gates Ausspruch «Content is king» schien lange Zeit ganz besonders auch für Kultureinrichtungen zu gelten. Schließlich ist das Produkt hier keine Ware oder Dienstleistung, sondern selbst «Content», die Häuser «prall gefüllt mit Geschichten und Geschichte, Menschen und Berufen», wie Hagen Kohn vor einiger Zeit schrieb.  Ich selbst war auch lange von dieser These überzeugt und habe sie z.B. in meinem Beitrag zum ersten stARTconference-Tagungsband vertreten. Gute, interessante Inhalte, so die Überzeugung, werden durch Suchmaschinen und die Verteilmechanismen digitaler Netzwerkmedien schon das Publikum erreichen, das sich für diese Inhalte interessiert. Pull statt Push. In meiner Arbeit ist dann allerdings eine gewisse Ernüchterung eingetreten, die ich vor einiger Zeit in einem Blogbeitrag beschrieben habe. Mir schien, dass insbesondere auf Facebook doch wieder die Regeln der klassischen Push-Werbung gelten. Der Blog-Artikel ist bereits dreieinhalb Jahre alt, der Eindruck verfestigt sich aber immer mehr. Mehr…

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Rückblick aufs Symposium an der Uni Regensburg

Auf Twitter habe ich schon etwas gespoilert: Das Symposium an der Uni Regensburg zum Thema «Die Zukunft des Kulturbetriebs in der digitalisierten Gesellschaft» war wirklich gut und interessant. Interessant war allein schon der Titel, weil er offen lässt, ob sich denn der Kulturbetrieb in einer digitalisierten Gesellschaft überhaupt selbst auch digitalisieren müsse. Normalerweise wird das ja als Selbstverständlichkeit vorausgesetzt und es gibt kollektives Haareraufen, wie schlimm Deutschland hinter dem Rest der Welt herhinkt und wie schlimm der Kultursektor hinter dem restlichen Deutschland hinterherhinkt. Hier war es ein etwas nüchternerer Blick: Die Digitalisierung ist ein Phänomen, mit dem man sich beschäftigen muss, aber die Schlussfolgerungen für das eigene Handeln liegen keinesfalls so sehr auf der Hand, wie immer der Anschein erweckt wird. Mehr…

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Theaternahes Rahmenprogramm auf dem Weg zur größten Sparte

Vor einer Woche hat der Deutsche Bühnenverein die Statistik für die Saison 2015/16 herausgegeben. Weitgehend Stabilität und Kontinuität: Gleich viele Vorstellungen wie in der Vorsaison, gleich viel Eigeneinnahmen, etwas mehr Geld von der öffentlichen Hand, ein paar mehr Mitarbeiter. Deutlich angestiegen sind zwei Zahlen: Zum einen die Besuchszahlen im Kinder- und Jugendbereich. Hier ist ein Zuwachs von 5 % festzustellen. Zu den Gründen dafür ist zumindest in der Pressemeldung nichts zu lesen. Zum anderen ist das «theaternahe Rahmenprogramm» angewachsen – um fast 10 %. Diese «5. Sparte» ist bereits in den vergangenen Jahren zur zweitgrößten Sparte in Bezug auf die Veranstaltungszahl angewachsen. Gemeint sind hier kleine Sonder- und Vermittlungsveranstaltungen: Podiumsdiskussionen, Workshops, Lesungen, Matineen – eben alles, was keine «normale», reguläre Aufführung ist. Bühnenverein-Geschäftsführer Grandmontagne sieht den Zuwachs dieser Veranstaltungen als Zeichen dafür, dass die Theater «also messbar mehr dafür [tun], in die Stadtgesellschaft hineinzuwirken und ihrer gesellschaftspolitischen Verantwortung gerecht zu werden.» Das ist sicher richtig und der Trend wird sich auch weiter fortsetzen. Mehr…

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Symposium: Die Zukunft des Kulturbetriebs in der digitalisierten Gesellschaft

Am 9. und 10. Oktober veranstalten die Lehrstühle für Medieninformatik und vergleichende Kulturwissenschaften der Uni Regensburg gemeinsam ein interdisziplinäres Symposium mit dem Titel «Die Zukunft des Kulturbetriebs in der digitalisierten Gesellschaft». Ich habe die Ehre, dort das Cast-Forschungsprojekt «Moving pictures moving audiences?» vorstellen zu dürfen. Bei diesem Projekt haben wir untersucht, wie Zürcher Kultureinrichtungen Bewegtbild in ihre Kommunikationsstrategie integrieren. Die Teilnahme an dem Regensburger Symposium ist übrigens kostenlos, man muss sich nur bis zum 30. September beim Organisationsteam anmelden. Und wer nicht kommen kann, findet einen Aufsatz über das Projekt in der kommenden Ausgabe der Zeitschrift für Kulturmanagement.

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Künstlerische Forschung über Trump vs. Clinton

Mir war lange nicht klar, was «künstlerische Forschung» eigentlich sein und bringen soll. Jetzt bin ich zufällig auf ein Beispiel gestoßen, anhand dessen man das gut erklären kann: «Her Opponent» ist eine Art «Best of» aus den Fernsehdebatten von Clinton und Trump, nachgestellt mit der Methode des dokumentarischen Theaters. Das Setting ist allerdings etwas verändert: Trump wird von einer Frau und Clinton von einem Mann dargestellt. Die Idee dabei:

What would the experiment reveal about male and female communication styles, and the differing standards by which we unconsciously judge them?

Die Annahmen der Forscher waren folgende:

that Trump’s aggression—his tendency to interrupt and attack—would never be tolerated in a woman, and that Clinton’s competence and preparedness would seem even more convincing coming from a man.

Vor und nach den Vorstellungen wurden die Zuschauer befragt, was sie von der Debatte mit vertauschten Geschlechterrollen erwarten bzw. wie sie sie wahrgenommen hatten. Die Ergebnisse waren überraschend. Viele Personen hatten nicht damit gerechnet, dass sich ihre Sicht auf die Debatte so ändern würde. Der hartnäckige, angriffige Debattierstil der Frau fand Anerkennung und Respekt, das faktenkundige, aber auswendig gelernt erscheinende Reden des Mannes fand niemand einnehmend. Sein Dauerlächeln wurde gar als «really punchable» beschrieben. Die Wahl wäre also möglicherweise wesentlich deutlicher zu Gunsten Trumps ausgegangen, wenn er eine Frau und Clinton ein Mann wäre.

Auf youtube gibt es einen kurzen Probenmitschnitt zu sehen. (S. auch die Kommentare unter dem Video.)

Leider habe ich nicht das ganze Stück gesehen und eine Einschätzung auf Basis dieser zwei Minuten ist zugegebenermaßen etwas zweifelhaft. Aber mein vorsichtiger Eindruck geht in die Richtung, die auch das Publikum beschreibt. Zwar wirkt keiner der beiden Kandidaten sympathisch oder gar gewinnend, aber die Frau doch wesentlich klarer und greifbarer in ihrem Anliegen.

Dokumentarisches Theater ist sicher methodisch an vielen Punkten angreifbar: Vielleicht war die Frau einfach der bessere Schauspieler? Vielleicht wäre mit anderen Schauspielern etwas anderes herausgekommen? Trotzdem zeigt dieses Beispiel in meinen Augen gut, dass künstlerische Forschung durch Veranschaulichung und Perspektivwechsel aufschlussreiche Erfahrungen und Erkenntnisse ermöglichen kann.

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