Das Fernsehen ist tot, es lebe das Streaming!

Im Rückblick auf das stARTcamp Bern habe ich neulich bereits anklingen lassen, dass ich noch ausführlicher auf das Forschungsprojekt eingehen möchte, an dem ich gerade arbeite. Bei diesem Projekt geht es um die Frage, wie Zürcher Kultureinrichtungen Bewegtbildinhalte nutzen. Neben einer kleinen Befragung aller Einrichtungen, die öffentliche Zuschüsse von Kanton oder Stadt erhalten, habe ich vier vertiefende Interviews geführt, eins davon mit Claudio Cappellari, dem Co-Direktor des Zürcher Jazzclubs Moods. In diesem Interview geht es um das Streaming-Angebot, das das Moods in wenigen Wochen starten wird. Dieses Angebot kann man sich – analog zur Digital Concert Hall der Berliner Philharmoniker – als «Digital Jazzclub» vorstellen. Mehr…

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Zum Lachen: Whatever works

Eigentlich strotzt Addy Woollens Woody Allens neuer Film «Whatever works» nur so vor zwar vorhersehbaren, aber eigentlich an den Haaren herbeigezogenen Wendungen: Ein alter, einsamer Misanthtrop (Seinfeld-Erfinder Larry David) nimmt eine hübsche, junge, ziemlich naive Ausreißerin bei sich auf. Die beiden heiraten sogar. Irgendwann taucht deren äußerst fromme Mutter auf, die kürzlich von ihrem Mann verlassen wurde, wenig später der ebenso fromme, reuige Ehemann. Kaum der bigotten Enge ihres Provinzdorfs ins weltoffene New York entflohen, machen beide eine ganz erstaunliche Entwicklung durch. Nebenbei versucht die Mutter hartnäckig ihre verheiratete Tochter anderweitig zu verkuppeln. Am Schluss, und das ist ja irgendwie die Hauptsache, hat aber jeder irgendjemanden und man feiert zusammen Silvester.

Es ist sicher nicht die Geschichte, die den Film so sehenswert macht. Es ist einerseits der typische Humor, andererseits der virtuose Umgang Woody Allens mit dem Medium Film, das ironische Spiel mit dramatischen Floskeln und Kniffen, der Metablick aufs Geschehen. Einmal mehr ein Beweis, dass die großen Dramatiker unserer Zeit nicht mehr für das Theater schreiben. Dabei eignet sich der Film mit wenigen Protagonisten und Schauplätzen perfekt für die Bühne und wird früher oder später sicher seinen Weg dorthin finden. Aber es eben doch erst einmal ein Film. Hier der deutsche Trailer zum Film:

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Im Kino: Der Knochenmann

Die ersten beiden Filme aus Wolf Haas‘ Krimi-Reihe über Detektiv Brenner waren super: «Silentium» noch besser als sein Vorgänger «Komm, süßer Tod». Jetzt gibt’s mit dem «Knochenmann» den dritten im Kino, der allerdings ziemlich «over the top» ist. Als sei er von Tatort-Autoren auf Speed verfasst worden. Ländliche Beschaulichkeit, ein Sohn, der nicht aus dem Schatten des Vaters entkommt, ein paar kauzige Typen und einen sympathisch unkonventionellen Ermittler – das alles sind typische Zutaten für einen schönen Tatort. Hier wird das Ganze mit ein paar dramaturgischen Tischfeuerwerken aufgemotzt: Rotlichtmilieu, Kannibalismus (zwar ahnungsloserweise, aber immerhin), Mundart, Transsexualität und ein Knochenhechsler im Dauereinsatz. Man wundert sich fast, dass der besagte Sohn am Ende nicht noch sein Coming out hat, ein Inzestfall ans Licht kommt und ein verloren geglaubtes Kind wieder auftaucht. Ich fand es allerdings auch ohne das schon ein bisschen zu viel des Guten.

Spannend ist der Film trotzdem und natürlich gibt’s auch wieder den ebenso trockenen wie schwarzen Humor – Brenner-Darsteller Josef Hader hat schließlich wieder am Drehbuch mitgeschrieben. Unterm Strich will der Film aber einfach zu viel und bei dem Lärm, der mit dramatischen Mitteln gemacht wird, war die Geschichte für meinen Geschmack zu vorhersehbar und zu wenig raffiniert.

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«Effi Briest» als Soap Opera

Vom 5. bis zum 15. Februar war Berlinale. Harald Martenstein war dort und hat für die Zeit ein kleines Tagebuch im Stile seiner legendären Kolumne geschrieben. Der Eintrag des siebten Berlinale-Tages beschäftigt sich mit Sinn und Unsinn der Aktualisierung von Klassikern, in diesem Falle «Effi Briest», das die Regisseurin laut Martenstein in «Gute Zeiten, schlechte Zeiten» verwandelt. Sein Fazit:

Klassiker werden Klassiker, wie etwa «Effi Briest» oder «Der Prozess», weil ihre Geschichte auch etwas Zeitloses hat, eine Kraft, wie sie kein einziges dämliches Fernsehspiel besitzt. Ist das so schwer zu kapieren? Offenbar ja.

Ja, tatsächlich. Das Gros der Theaterregisseure tut sich mit dieser Erkenntnis ja ebenso schwer.

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Spannend: Cruise als Stauffenberg

Obwohl der Ausgang des Stauffenberg-Attentats ja bekannt ist, habe ich lange nicht einen so spannenden Film wie Operation Walküre gesehen. Dem Film gelingt es, einen immer wieder in die Hoffnung der Protagonisten zu versetzen, alles möge noch gut ausgehen. Das liegt vor allem daran, dass zunächst sehr genau die sorgfältigen Planungen, die taktischen Abstimmungen und strategischen Überlegungen unter den gar nicht so wenigen Verschwörern gezeigt werden und man so bestens im Bilde ist, was dann später bei der Durchführung schief zu gehen droht oder tatsächlich schief geht. Dem zum Opfer fällt die Psychologie der Figuren, die Spannung bleibt rein äußerlich und macht sich allein an den Ereignissen fest. Freilich wäre Tom Cruise auch eine denkbar schlechte Besetzung, wenn man zeigen wollte, was in Stauffenbergs Innerstem vorging, was ihn antrieb, welche Ängste er zu bekämpfen hatte. Auch deswegen ist es gut, dass der Film hier konsequent bleibt (anders als der deutsche Stauffenberg-Film aus dem Jahr 2004 der mehr, aber auch nicht konsequent, auf Stauffenbergs Motivation eingeht). Sicher wird der Film dem historischen Ereignis damit nicht voll gerecht, aber er regt an, sich intensiver mit dem Attentat vom 20. Juli und dem militärischen Widerstand zu beschäftigen.

Spannend ist übrigens auch eine Frage, die sich dem Film nicht stellt, aber aus ihm ergibt: Wäre Stauffenberg heute auch ein Held und Deutschland die Demokratie, die es heute ist, wenn der Putsch geglückt wäre? Ganz so einfach, wie es zunächst scheint, würde die Antwort darauf wohl nicht ausfallen.

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Mediendarwinismus

Mittlerweile habe ich einige Einträge darüber geschrieben, dass ich das Theater für ein antiquiertes Medium halte, das ungeeignet ist, heutige Stoffe und Themen angemessen zu reflektieren. Bei aller Sympathie für diese These, bleibt mir doch die Frage, warum dieser Umstand zwar für das Theater, aber nicht für andere alte Medien, Bücher zum Beispiel, gelten soll. Zwar gibt es vielleicht den ein oder anderen, der den Bedeutungsverlust des Buches bzw. dessen weitreichende Ablösung durch digitale Textspeicher ebenso kommen sieht. Trotzdem glaube ich nicht, dass das Buch so bald zu einem medientechnologischen Museumsstück wird, wie das Theater.

Dafür gibt es zwei Gründe: Zum einen ist die Reichweite eines Mediums entscheidend. Durch die Allverfügbarkeit von Inhalten, den die Digitalisierung mit sich gebracht hat, geraten die alten Medien unter Druck. Medien, die keine Reichweiten erzielen, werden teuer und unrentabel. Bücher sind hier weit weniger anfällig als Theater, die ortsgebunden sind oder deren Mobilität zumindest einen hohen logistischen Aufwand nach sich zieht.

Der andere Grund ist, dass ein Buch keine anderen rezeptiven Anforderungen als ein digital gespeicherter Text stellt. Ob man Goethes Faust lieber als Reclam-Heft oder lieber bei Gutenberg liest, ist vor allem eine Geschmacksfrage. Verstehen kann man den Text in beiden Fällen gleich gut oder schlecht, weil man die gleichen Buchstaben liest und kognitiv verarbeitet. Der Film hingegen hat es gegenüber dem Theater wesentlich leichter, das «Als-ob» zu vermitteln, die illusorischen Möglichkeiten sind um ein Vielfaches größer. Dem kann das Theater nur die Interaktion entgegensetzen und vielleicht noch die Einmaligkeit des Moments, wobei weder das eine noch das andere zwangsläufig ein Qualitätsversprechen bedeutet. (Man denke an Stadelmeiers legendäre Begegnung mit dem interaktiven Theater oder die uninspirierten Repertoirevorstellungen, in denen man schon so saß). Und wahrscheinlich ist es auch nur noch eine Frage von ein paar Jahren, bis der Film auch diese «Unique Selling Propositions» in perfekter Illusion nachbilden kann.

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Thomas Mann goes Rosamunde Pilcher

In Heinrich Breloers Verfilmung der Buddenbrooks ist Thomas Manns Geschichte kaum mehr als ein Anlass für ein hochopulentes, gelecktes Kostümspektakel. Zweieinhalb Stunden trägt das natürlich keineswegs und nicht selten musste ich mich mit Blick auf die Kinokarte versichern, dass ich nicht in einer Rosamunde Pilcher-Verfilmung saß, so wattig waren die Konflikte und Personen in ihre dekorativen Kostüme und Kulissen verpackt. Bereits in der in Schweizer Kinos üblichen Pause hatte ich deswegen das Gefühl von zweieinhalb Stunden in den Knochen.

Dass sich der Stoff dabei packend dramatisieren lässt, habe ich vor zwei Jahren bei einer Theateraufführung am Stadttheater Bern gesehen. Allein, da trugen die Schauspieler den Abend, nicht die Schauplätze. Dabei ist die Besetzung des Films sicher nicht schlecht, aber egal ob Mark Waschke als Thomas Buddenbrook, Armin Müller-Stahl als Jean oder die unvermeidliche Iris Berben als Betsy, alle blieben blass und banal. Bedingte Ausnahme war die immerhin charmante Toni von Jessica Schwarz, einziges echtes Highlight August Diehl als Chrischan.

Die einzige kleine Freude an dem Film waren damit eigentlich die wenigen Stellen, an denen (auch nicht immer ganz authentisch) plattdeutsch gesprochen wurde. Dann habe ich mit gönnerhaftem Blick (natürlich unbemerkt) in die dunkle Runde der Berner Kinogänger geguckt und gedacht: Tja, das versteht ihr jetzt mal nicht. Ich gebe zu: ein ziemlich kindisches Vergnügen und auch nur eins, weil der Film sonst keins war.

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Sehenswert: Vicky Cristina Barcelona

Mittlerweile fühle ich mich ohne privates DSL ziemlich gehandicapt und das Blog leidet offenkundig auch drunter. Nachdem ich die Anmeldepost vom DSL-Anbieter zweimal auf italienisch erhalten habe, bin ich auch nicht gerade guter Dinge, dass es jetzt ganz schnell gehen wird. Nichtsdestotrotz ein kurzer Kinotipp: Vicky Cristina Barcelona. Der perfekte Film für die aktuellen Temperaturen und die aktuelle Jahreszeit, denn dort geht es um zwei amerikanische Touristinnen, die ihren Sommer in Barcelona verbringen und jeweils eine Affäre mit einem spanischen Maler eingehen. Der Film ist wunderbar entspannt und witzig, obwohl eigentlich alles so kommt, wie man es kommen sieht. Aber Allen versteht es, die Geschichte virtuos und leicht in Szene zu setzen und gekonnt mit sämtlichen Klischees und Stereotypen zu jonglieren, die man über Spanier und Amerikanerinnen im Allgemeinen sowie Künstler und Touristinnen im Besonderen haben kann. Das funktioniert durch die freundliche Ironie, mit der ein lakonischer Erzähler aus dem Off durch die Ereignisse führt. Sehr empfehlenswert!

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Digitale Konzerthalle

Morgen eröffnen die Berliner Philharmoniker ihre Digital Concert Hall. In dieser virtuellen Konzerthalle kann man die Konzerte aus der Philharmonie entweder als Livestream oder als Video on demand abrufen. Die »Eintrittskarte« kostet 9,90 EUR, was im Vergleich zum Meistersinger-Livestream der Bayreuther Festspiele ein sehr fairer Preis ist. Auch die Qualität ist selbst bei niedrigster Auflösung im Streamtest wirklich in Ordnung. Das Projekt ist, wenn es erfolgreich werden sollte, ein schlaues Kompensationsgeschäft für die wegbröckelnden CD-Verkäufe. Beim zweitbesten Orchester der Welt mit internationaler Fangemeinde halte ich die Chancen für recht groß, dass die angestrebten 7.000 Besucher pro Konzert in drei Jahren locker erreicht und über die Saison verteilt ein hoher sechsstelliger Umsatz generiert werden kann. Dafür müsste eine herkömmliche Marketing-Oma sehr lange stricken.

Mit Web 2.0 hat das Ganze indes wenig zu tun, obwohl sich in diese Richtung sicher interessante Ideen entwickeln ließen. Zum Beispiel indem man mit Freunden zusammen das virtuelle Konzert besuchen und die virtuelle Pausenlounge besuchen kann, in der man dann über das Konzert fachsimpeln kann, indem man Konzerte und Dirigenten bewerten und kommentieren kann, Material weiter verwerten kann usw.

Sicher ist dieses Projekt aber ein geeignetes Best practice für meine kleine Reihe. Auch wenn es bis auf Weiteres eine Exklusivmöglichkeit für Kultur-Flagschiffe wie die Berliner Philharmoniker bleiben wird. Kleineren Einrichtungen – und damit meine ich eigentlich alle ohne internationale Ausstrahlung – fehlen dafür das Geld und die Fans.

Artikel dazu in der Welt online.
Dank an Frank für den Hinweis.

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Liebenswerter Anachronismus

Die Frankfurter Rundschau berichtet über den Trend an deutschen Bühnen, erfolgreiche Romane wie Feuchtgebiete oder Tintenherz zu Theaterstücken umzuarbeiten (Irgendwo gab es doch bestimmt auch schon eine Bühnenfassung von Harry Potter!?). So hat man nicht nur eine Uraufführung zu vermelden, die eine gesunde Verankerung in der Jetztzeit nahelegt, sondern auch die Hoffnung, trittbrettfahrend von dem Erfolg des Buches zu profitieren. Natürlich ist das durchaus legitim. Aber es ist auch eine weitere Bestätigung für meine schon öfters geäußerte These, dass das Theater längst nicht mehr das Medium gesellschaftlicher Selbstreflexion und Vordenkerei ist, sondern ein liebenswerter Anachronismus, der künstlerischen und unterhalterischen Trends nur mehr nachjagt. Das hat natürlich auch mit Geld zu tun. Warum sollte ein herausragender Dramatiker für das Theater schreiben, wenn er beim Film/Fernsehen ein Vielfaches verdient?

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