Wolf im Schafspelz

Veröffentlicht von Christian Holst am

Gute Popmusik zeichnet sich für meinen Geschmack durch in raffinierte Arrangements gekleidete, einschmeichelnde Melodien aus sowie durch Texte, die ihre eigene Banalität mit einem wissenden Augenzwinkern bedenken. Ein Kriterium, das übrigens erstaunlich viele Schlager erfüllen, weswegen deren Ruf in meinen Augen zu Unrecht so schlecht ist. Man denke z.B. einmal an »Zwei kleine Italiener« oder »Er hat ein knallrotes Gummiboot«. Und über Im Wagen vor mir habe ich mich an dieser Stelle bereits ausgelassen. Hier mag man zwar nicht von einem raffinierten Arrangement im engeren Sinne sprechen, aber wie gesagt hielt ich das Lied zuerst für eine gelungene Parodie. Ob es das sein sollte, kann man wohl bezweifeln, aber Kunstwerke sind ja mitunter größer als ihre Schöpfer ahnen.

Aber genug vom Schlager. The Beautiful South ist eine Band, die nach der obigen Definition perfekten Pop machen, weil sie es damit auf die Spitze treibt. Ihre Songs sind allesamt Wölfe im Schaftspelz, denn die süffigen Ohrwürmer bringt man zunächst kaum mit den sarkastischen Texten zusammen. Zum Beispiel klingt Song for Whoever beim ersten Hinhören nach einem hübschen 08/15-Liebeslied. Wenn man auf den Text hört merkt man: das soll es auch. Denn es geht um all die erfundenen Mädchen, die in all den Unmengen von Liebesliedern besungen werden, mit denen die Sänger auf das große Geld hoffen. Oder Perfect 10. Klingt eher nach harmloser guter Laune, als nach einem anspielungsreichen und etwas anzüglichen Lied über verschiedene Vorlieben, was die Größe bestimmter Körperteile angeht. Don’t marry her ist eine eindringliche Warnung vor der Ehe, Rotterdam ein Spottlied auf alle langweiligen Städte und deren Einwohner. Aber immer in unschuldige, gefällige Musik eingebettet. Sehr charmant. Prädikat: empfehlenswert.

Kategorien: Musik

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