Noch einmal Dirigenten

Veröffentlicht von Christian Holst am

Im Rahmen der Diskussion, die ich vor einiger Zeit mit meinem Beitrag über Dirigenten als Vorbilder für Manager angestoßen habe, fragte ich mich im Nachhinein, warum die Bedeutung von Dirigenten so wahnsinnig hoch eingestuft wird. Es scheint fast, als seien Dirigenten heute der Inbegriff positiver, charismatischer Herrschaft schlechthin – zumindest unter Musikkennern und Kulturmanagern. In der wirtschaftswissenschaftlichen Literatur wird der Begriff Dirigieren dagegen für engmaschig kontrollierende »Old-School«-Führung benutzt.

Dabei gab es diesen Beruf lange Zeit überhaupt nicht und die meiste Zeit, die es ihn gibt, wurde ihm lange nicht solche Bedeutung beigemessen. Der Beruf kam überhaupt erst im 19. Jahrhundert auf, und seine Funktion war zunächst eine vergleichsweise unbedeutende Koordinationsaufgabe, das Taktschlagen. Die Musik haben schließlich die Musiker gemacht. Bei Aufführungsankündigungen gab es deswegen lange Zeit auch keinen Grund, ihn überhaupt geschweige denn an prominenter Stelle anzugeben. Wichtig waren Werk und Komponist, danach kamen die aktiven Musiker, speziell die Solisten. Das ist heute oftmals umgekehrt, obwohl der Komponist freilich die einmaligere, spezifischere künstlerische Leistung erbracht hat. Auf zahlreichen CDs prangt das Bild des Dirigenten und sein Namen ist nur selten kleiner angegeben als der des Komponisten und in aller Regel größer als der des Orchesters oder des Solisten. Für Konzertplakate gilt das entsprechend.

In meinen Augen ein weiterer Hinweis darauf, wie museal (im neutralen Sinne) die Hochkulturlandschaft ihrem Wesen nach ist. Die künstlerischen »Heilserwartungen« werden auf den Beschwörer der Musik projiziert, weil es jenseits über kleine Nischen hinaus relevante Schöpfer von Musik in diesem Bereich praktisch nicht mehr gibt.

Kategorien: Musik

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