Warum der Säbelzahntiger die Neue Musik auf dem Gewissen hat

Veröffentlicht von Christian Holst am

Im Hamburger Abendblatt las ich zu Silvester, dass 72 Prozent der Hamburger glauben, dass es im neuen Jahr aufwärts gehen werde. Auch die Wirtschaft ist optimistisch. Keine Spur von Angst vor Neuem oder dem «Früher war alles besser»-Syndrom, zumindest nicht, wenn es um Jahre geht. Das ist etwas anders bei Musik. Heerscharen von Musikpädogogen und Evangelisten zeitgenössischer Tonkunst haben die Neue Musik kaum je aus ihrer durchaus behaglichen, mitunter dünkelhaft verteidigten Nische zu holen vermocht. Da der Ruhm einiger bedeutender Komponisten erst nach einer längeren Inkubationszeit ausbrach, ging auch Arnold Schoenberg Anfang des 20. Jahrhunderts davon aus, dass man seine Musik in einigen Jahrzehnten ganz selbstverständlich auf der Straße pfeifen werde. Diese Prophezeiung hat sich nicht erfüllt.

In einem ausführlichen, sehr lesenswerten Artikel in der Zeit (schon etwas älter) werden dafür im Wesentlichen zwei Gründe genannt. Das eine ist das Vergnügen, in dem Gehörten wiederkehrende Strukturen auszumachen, ohne dass diese erklärt würden. Kinder lernen auf diese Weise Sprache. Dies ist bei Neuer Musik nur schwer möglich. Die Regeln der Zwölftontechnik in einem Stück auszumachen, gleiche etwa «dem Kunststück, sich eine zwölfstellige Telefonnummer nicht nur auf der Stelle zu merken, sondern sie auch noch wiederzuerkennen, nachdem zu jeder Ziffer vier hinzuaddiert wurden.» Das setzt natürlich ein langjähriges intensives Training voraus, dem sich nur hartgesottene Liebhaber unterziehen. In Klangcollagen oder gar stochastischer Musik ist es freilich noch schwerer Strukturen zu erkennen.

Das andere ist das Spiel mit der Erfüllung oder Enttäuschung von Erwartungen. Beides muss – je nach Hörerfahrung – in einer bestimmten Relation zueinander vorhanden sein, damit das Hörerlebnis ein Vergnügen ist. Vollkommene Erfüllung von Hörerwartungen ist so langweilig wie die dauernde Enttäuschung frustrierend ist. Wie so gerne, wenn es um die Erklärung menschlicher Vorlieben und Verhaltensweisen geht, bemüht der Artikel auch hier das vorzivilisatorische Leben. Zu Zeiten des Säbelzahntigers sei es überlebenswichtig gewesen, von der Gegenwart auf die Zukunft schließen zu können und zum Beispiel verdächtige Geräusche rechtzeitig richtig zu deuten, um nicht zum Mittagessen des hungrigen Raubtiers zu werden. So entwickelte der Mensch einen «Zukunftssinn», der auch bei Musik angesprochen wird und uns in Erregung versetzt.

Wenn es dann in dem Artikel resümierend heißt: «In ihrem ständigen Streben nach Innovation, nach neuen Klängen hängen die Komponisten das breite Publikum ab – eine seltsame Eigenheit der westlichen klassischen Musik», dann ist damit wieder das im vorangegangen Beitrag zitierte Innovator’s Dilemma angesprochen. Die Innovation wird – einer bestimmten, festen Logik folgend – immer weiter vorangetrieben und verfehlt schließlich die Bedürfnisse des Marktes bzw. die Ansprüche eines breiten Publikums. Und obwohl ich öffentliche Finanzierung von Kultur grundsätzlich richtig und sinnvoll finde, eben um der Kunst bzw. Musik freie Entfaltungsmöglichkeiten zu gewähren, halte ich sie in Bezug auf dieses Problem für fragwürdig. Denn sie läuft hier Gefahr, Innovationslogiken künstlich am Leben zu erhalten, die ihre Zeit hatten und verhindert es zu überprüfen, ob sich die Leute mit echt neuer Musik schwer tun würden.


12 Kommentare

Martin Hufner · 3. Januar 2010 um 19:47

Ich denke, dieser Gedanke ist verfehlt, den der ZEIT-Autor bemüht. Es ist schon lange her, dass Peter Faltin zu diesen Fragen sich in einer Phänomenologie der musikalischen Form (1974?) äußerte und recht ausführlich darglegen konnte, welche musikalischen Parameter für Wiedererkennen etc. zuständig sind. Und er hat es mit Neuer Musik gemacht. Nebenergebnis der Studie, man hörtz eben auch Zusammenhänge, wo es keine gibt. Der Mensch ist eben so.

Zwölftonreihen hört niemand so für sich, wäre auch sinnlos vermutlich. Dagegen sind die Gründe dafür, warum sich Neue Musik zu einem bestimmten Zeitpunkt „entfernt“, hat auch ganz gute Gründe. Kann ich jetzt nicht in Kürze darlegen. Link dafür sende ich gerne, wenn gewünscht.

Das mit der Förderung ist wieder ein ganz anderes Thema.

Christian Holst · 3. Januar 2010 um 20:13

Link wäre interessant ja, denn so ist mir nicht klar, worauf dein Argument hinausläuft. Dass der Gedanke des ZEIT-Autors verfehlt ist, müsste auch erstmal genauer belegt werden. Er beruft sich ausdrücklich auf neuere Erkenntnisse zu dem Thema und ich gehe davon aus, dass ein guter Teil dessen, wovon man 1974 ausging, wahrnehmungsphysiologisch überholt ist.

Martin Hufner · 3. Januar 2010 um 22:40

1974 ist so wenig überholt wie 1779. Der Link wäre: http://www.kritische-masse.de/blog/content/einsamkeit-und-anarchie

Zu Neuroerkenntnissen. Ich finde die auch sehr aufregend, insbesondere was Spiegelneurone angeht. In vielen anderen Fällen fürchte ich, wird da etwas falsches mit falschen Mitteln erklärt. Weil auch von falschen Vorstellungen ausgegangen wird: Wie, ob man 12-Ton-Reihen zu hören habe etc. Da äußert sich ästhetische Dummheit oder Unkenntnis mit den Daten der Neuro-Fakten. Aber das stimmt so nicht, nicht einmal auf neuronaler Ebene. Die Gehirnforschung kann einstweilen immer noch nicht erklären, warum etwas „schön“ ist. Wie man im übrigen auch immer noch nicht erklären kann, wie das Gehirn funktioniert.

Der Rest des dort Gesagten ist in gewissem Sinne eine Binse, die man auch zu Fechners Zeiten schon drauf hatte.

Hagen Kohn · 4. Januar 2010 um 15:40

Mir spricht der Artikel aus dem Herzen. Selbst als studierter Musiker habe ich zu einem Großteil der zeitgenössischen Musik keinen Zugang gefunden.
Wenn Komponisten wie Yannis Xenakis von der „Schöheit der Stochastik“ schwärmen, stellen sich mir die Nackenhare hoch. Tatsache ist, dass die sog. Neue Musik (die in Wirklichkeit ein alter verstaubter Hut ist) keine gesellschaftliche Relevanz mehr besitzt und letztlich nur aufgrund der Förderung durch die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten überleben kann.
Die Reihe „Musik der Gegenwart“ vom Deutschlandradio findet regelmäßig vor leeren Rängen statt, die Musiker sind froh, wenn das Konzert vorbei ist. Muss das sein?

Martin Hufner · 4. Januar 2010 um 17:57

Die berühmten Tatsachen jetzt wieder. Das ist ja das Üble an solchen Artikeln wie dem in der ZEIT, dass sie zwar nicht stimmen, dafür aber den nötigen Applaus erhalten. Also ein bisschen Neuro-Stammtisch. Macht sich heute keine mehr die Mühe, selbst in den simpelsten Formen von Volksmusik anderes zu finden. Ein Blick zu Habas Analysen dazu in den 20er Jahren oder andere Ergebnisse kognitiver Wahrnehmungspsychologie der Musik sind dagegen natürlich ein alter Hut. Freilich sind sie noch Hut und nicht nur schlecht formierte Luft, die bloß riecht. 😉

Martin Hufner · 4. Januar 2010 um 18:06

Nur als weitere Hinweis im Bad Blog of Music gab es zu diesem Thema eine längere Auseinandersetzung: http://blogs.nmz.de/badblog/2009/10/22/zu-schraeg-bodenlos/

Auch in der ZEIT selbst hat Claus Spahn diesen Unfug nicht stehen lassen wollen:
http://www.zeit.de/2009/45/N-Musik-Replik

Nurmalso.

Christian Holst · 4. Januar 2010 um 19:19

Danke für die Links. Sehr interessant. Allerdings finde ich Spahns Argumentation nicht konsistent, wenn er einerseits behauptet, es würden ja doch viele Leute in Neue Musik-Konzerte gehen und andererseits kritisiert, dass der Fehler gemacht werde, sie nach dem Massengeschmack zu beurteilen. Was denn jetzt? Und für ein paar Binsenweisheiten ist er sich auch nicht zu schade, wenn er sagt, dass Musikhören kulturell geprägt ist. Ach was. Das gleiche impliziert Dröser, wenn er davon spricht, das Musik wie Sprache erlernt werde.

Aber mir geht es gar nicht darum, die Neue Musik als irrläufig abzustempeln, teilweise ist sie sehr beeindruckend. Mir ging es vor allem um den ideologischen Umgang mit ihr und den Bezug zu der These zum Innovator’s Dilemma nach der jede Erfolgslogik ihre Zeit hat. Wenn ich Wolfgang Rihm, Matthias Pintscher, Aribert Reimann, Helmut Lachenmann oder sonstwen höre, dann verfolgen die nach meinem Dafürhalten eine Innovationslogik des Materialfortschritts, die Mitte des letzten Jahrhunderts populär war aber den Komponisten, die damals studiert haben, bis heute ins Hirn eingraviert ist. Wenn Spahn von extremen Spielarten des Pop spricht, dann spricht er gerade von Musik, die einer neuen Logik folgt und grundsätzlich mit dem bricht, was vormals populär war. Deswegen ist Pop ein schnellebiges Geschäft, in dem Erfolge kurze Halbwertzeiten haben. Techno hatte sich halt nach ein paar Jahren wieder erledigt. Im hochkulturellen Bereich bekommt man dagegen sehr viel «moderne» Musik vorgesetzt, die seit Jahrzehnten den gleichen Ideologien folgt. Dass sie ideologisiert ist, mache ich an ihrer unentspannten Verteidigung fest, zu der auch jederzeit eine Handvoll Beispiele gehört, wo Neue Musik einmal erfolgreich vermarktet werden konnte (s. Spahn). Vertreter extremer Spielarten des Pop dagegen bestehen auf ihrer Nische.

Martin Hufner · 4. Januar 2010 um 19:38

Christian, danke für die freundliche Antwort. Denn man muss die Dinge schon auseinanderhalten. Die Sache mit dem Publikum und die Sache mit der „Logik“ (fortschreitend oder nicht). Die Kritik an Spahn kann man machen, finde ich auch richtig.

Fortschritte in der Kunst folgen ja einer anderen Logik, sie entwerten das alte nämlich nicht. Beethoven hebt nicht Palestrina auf, Schönberg nicht Brahms, Nono nicht Schönberg, Rihm nicht Hindemith. (Alles zudem sehr eurozentriert).

Ich würde auch nicht bestreiten, dass es solche Tendenzen im Begriff fortschreitender Materialentwicklung gegeben hat und auch noch gibt. Doch glaube ich auch, dass da das Ende der Fahnenstange schon lange erreicht war. Das anwesende Problem ist tatsächlich: Man will nicht etwas wiederholen. Und das ist ein ernstes ästhetisches Problem. Das wissen die Komponisten aber besser als ich.

Beim Pop muss man gar nicht so extrem gehen. Techno kennt auch Materialforschritt oder bestimmte Tendenzen ihn festzustellen und wird dann in sich repetitiv. Chicago House angeblich. Freilich wird man derlei im Mainstream nur wenig finden. Wie immer.

Mit dem Nichthören ist es ja etwas anderes. Donaueschingen ist längst überbucht, Schwaz ebenso, Wien modern lebt äußerst gut. Viele der Festivals laufen außerordentlich gut. Nur im „normalen“ Programm hat man das Problem. Im Abokonzert oder anderen „individuellen“ Veranstaltungen. Aber selbst in Wolfsburg kamen zu solchen Veranstaltungen durchschnittlich und absolut mehr Hörer als in Hannover. Es hängt einfach von vielen Bedingungen ab.

Christian Holst · 4. Januar 2010 um 23:12

Es stimmt, dass die Innovationslogiken in der Kunst das alte nicht entwerten. Trotzdem würde heute (zu Recht) keiner mehr Ernst genommen, der versucht, wie Brahms zu komponieren. Und klar: Originalität und Kreativität macht sich am offenkundigsten, wenn etwas völlig Neues geschaffen wird. Momentan scheint mir die Innovationslogik, um jetzt mal bei diesem Wort zu bleiben, aber eher in der originellen Kombination von Bestehendem zu liegen. Das hat es natürlich auch schon immer gegeben, bekommt aber durch die digitalen Medien eine völlig neue Dimension. Es ist nie ganz so schwarz/weiß, wie es sich in vergleichsweise kurzen Artikel oder Essays macht. Deswegen sind Aufführungen von Neuer Musik natürlich auch nicht immer schlecht besucht. 😉

Martin Hufner · 11. Januar 2010 um 19:27

Ich wollte da noch drauf antworten, war aber einige Zeit weg und hatte andere Probleme.

Kombinieren ist seit alters in der Kunst sehr gefragt. ich würde dabei die neuen Medien nicht überschätzen. Eher spielt die Schrumpfung der Welt eine gewisse Rolle. Tonsysteme aus der ganzen Welt stehen potentiell zur Verfügung. Nur die Instrumente und Notationsformen noch nicht. 😉

Das Problem, der mögliche Klangraum erweitert sich riesig, die Sprache aber nicht. Ebenso nicht die Wahrnehmung. Die scheint sich wenig auszudehnen, sondern sehr früh sehr gefestigt werden.

Insofern ist es heute ein Leichtes, Innovator zu werden. Selbst Bach oder Beethoven sind heute für manchen schon zu viel Innovation.

Christian Holst · 11. Januar 2010 um 19:59

Das ist ein interessanter Gedanke. 😉 Da stellt sich mir die Frage, ob die digitalen Medien dafür sorgen, die Sprache und die Wahrnehmung einzuschränken, weil man sich sehr in seine Nische zurückziehen und Hörgewohnheiten einschleifen kann, bei denen dann vieles andere fremd bleibt. Trotzdem denke ich schon, dass die digitalen Medien ziemlich revolutionär sind, weil es keine Zeit gab, wo man so wenig können und so wenig Aufwand betreiben musste, um recht komplexe musikalische Gebilde herstellen zu können (bzw. Innovator zu sein, wie du schreibst).

Martin Hufner · 25. Januar 2010 um 8:55

Da stimme ich dir zu. Aber es klingt etwas zu konservativ. Die Chance ist das Problem. Natürlich sind heute Dinge möglich, die früher so viel schwieriger zu erreichen waren. Wenn man bedenkt, wie aufwendig es war, als Stockhausen seine elektronischen Studien anfangs der 50er Jahre machte. Das kann man leichter haben, auch wenn es immer noch sehr schwer ist, mit Computersprachen a la MaxSP Dinge zu bauen.

Gleichwohl geht es mit algorithmischen Composern viel wie von selbst. Musikalische Mikrowellen sozusagen.

Das ist vielleicht weniger revolutionär als technisch-evolutionär.

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