Im Interview beim Kulturmarketingblog

Veröffentlicht von Christian Holst am

In Karin Janners Blogserie Expertenbefragung zum Thema Online Marketing im Kulturbereich ist jetzt auch ein Interview mit mir zu lesen. Vielen Dank an Karin für die Einladung. Es macht Spaß Experte zu sein 😉 . Zuvor waren bereits einige andere Experten an der Reihe, darunter Christian Henner-Fehr, auf dessen Blog sich, aufbauend auf diesem Thema, eine lange, kontroverse Diskussion entspann. Diese Diskussion brachte mich noch auf ein paar ergänzende Gedanken zu der Frage, inwieweit die tendenziell elitäre Haltung von Kultureinrichtungen gegenüber ihrem Publikum durch das sog. Web 2.0 aufgebrochen und verändert werden könnte (s. Frage 2 im Interview). Bei vielen Kulturorganisationen gilt nach wie vor das von Arnold Schoenberg verfasste Motto: »Wenn es Kunst ist, kann es nicht für alle sein und wenn es für alle ist, kann es keine Kunst sein.«

Prinzipiell steht Kultur ja heute jedem offen. Wer will kann für weniger als 10 EUR z.B. in die Oper gehen und sich Moses und Aron anhören, wenn es einen interessiert. Es gab sicher keine Zeit, in der so viele Menschen wie heute diese Möglichkeit dazu hatten. Trotzdem interessiert sich nur eine Elite dafür. Dass diese Elite jedoch möglichst groß ist, ist Ziel und Aufgabe des Kulturmarketing und betrifft dessen Verhältnis zum Publikum. Web 2.0 ist hier eine Möglichkeit, Aufmerksamkeit zu wecken, sich zu präsentieren und Feedback zu holen.

Die “tendenziell elitäre” Haltung betrifft aber vor allem auch das Verhältnis Künstler – Publikum. Das Grundgesetz garantiert der Kunst, nichts anderem als sich selbst verpflichtet zu sein. Dieses Recht ist ebenso kompromisslos wie das Schoenberg-Zitat. Trotzdem denke ich, dass die Kunst, die ihr Publikum auf Basis dieses Rechts auch gerne irritiert und verstört das Web 2.0 bzw. dessen Philosophie als Irritation des eigenen, eben tendenziell elitären Selbstverständnisses auffassen und produktiv machen sollte. Was daraus entstehen kann, ob es eine Abkehr von dem besagten elitären Moment bringt oder vielleicht dessen Bestätigung oder etwas ganz anderes, ist erstmal völlig offen. Sicher bin ich mir aber, dass die Auseinandersetzung mit und die Nutzung des Web 2.0 der Kunst und Kultur mehr erschließen kann als neue Marketingmöglichkeiten.


4 Kommentare

Joern · 12. September 2008 um 12:32

„Trotzdem interessiert sich nur eine Elite dafür. Dass diese Elite jedoch möglichst groß ist, ist Ziel und Aufgabe des Kulturmarketing und betrifft dessen Verhältnis zum Publikum.“

Schluck. Gehöre ich schon zur Elite, wenn ich in die Oper oder ins Theater gehe? So meinst Du das doch nicht, oder?

Kulturmarketing setzt voraus, dass überhaupt ein ernsthaftes Interesse an der Vermarktung besteht. Da bin ich mir nicht immer sicher, ob man das immer als gegeben annehmen kann. Tut man nicht oft nur so als ob? Wollte man tatsächlich mehr Besucher gewinnen, müssten zunächst die Programme der Häuser ganz anders aussehen. Weniger elitär… 😉 Und wenn das dann so ist, dann kann man da auch etwas vermarkten und versuchen neue Kundenkreise zu gewinnen. Ich fürchte nur, dass man sich damit auch gleichzeitig die alten vergrault. Oper- und Theaterbesuche dienen nicht zuletzt auch der sozialen Distinktion. Man will damit seinen sozialen Status beweisen. Wie früher mit der Angehörigkeit zu einem Tennisclub. Nachdem diese sich etwas öffneten, sank ihre Bedeutung stark. Heute geht man in den Golfclub, wenn man meint, man wäre wichtig. Verstehst Du, was ich meine?

CH · 12. September 2008 um 18:30

Aber indem man seinen sozialen Status beweist, bildet man doch schon einen elitären Zirkel. Als Musik-, Kunst- oder Theaterfreund beweist man Kultiviertheit, Geschmack etc.

Ich denke, eine spezifische Herausforderung für das Kulturmarketing ist es, einem gegebenen »Produkt«, das nicht auf Basis von Marktforschung und -chancen entwickelt wurde, eine möglichst große Aufmerksamkeit zu verschaffen. Bestenfalls kann man so schon neue Besucher gewinnen, ohne inhaltlich Kompromisse (s. Schönberg-Zitat) machen zu müssen.

Aber das Web 2.0 stellt meines Erachtens die Frage, ob diese kompromisslose Haltung eigentlich für unsere Zeit noch angemessen ist und ob nicht eine Öffnung stattfinden muss.

Joern · 13. September 2008 um 0:38

a) Was ist das Schönberg-Zitat?
b) Wenn das Produkt (Ausstellung/Aufführung) schlecht ist, d.h. nicht publikumsorientiert, dann laufen alle Marketingmaßnahmen langfristig und zwangsläufig vor die Wand.
c) das Wort „Kompromisse“ verstehe ich in obigem Kontext nicht. Welche Kompromisse? Bislang muss der Besucher den Kompromiss machen, dass er sich in der Oper ein langweiliges, den Ohren wehtuendes Werk ansehen und anhören muss, um für ein paar Stunden sich so fühlen zu dürfen, als ob er zur Spitze der Gesellschaft gehörte.Wer gehört überhaupt zur Elite? Der, der am besten das Finanzamt betrügt oder der, der der Gesellschaft den größten Nutzen bringt? Da geht momentan wohl was durcheinander.
d) Ja es muss eine Öffnung stattfinden. Eine Öffnung der Köpfe und der Herzen! Sicher. Du musst den letzten Satz etwas konkretisieren, damit ich ihn verstehen kann.

CH · 14. September 2008 um 11:59

Zu a) »Wenn es Kunst ist, kann es nicht für alle sein und wenn es für alle ist, kann es keine Kunst sein.«
Zu b) Ich glaube nicht, dass Publikumsorientierung bei Kultur das zentrale Qualitätskriterium ist. Zu allererst muss die Authentizität, die spezifische Aussage gegeben sein. Genau in diesem Punkt funktioniert der »Kulturmarkt« anders als herkömmliche Märkte. Die Aufgabe des Kulturmarketing sehe ich darin, für die Authentizität, den besonderen Charakter von Kunst zu sensibilisieren.
Zu c) Vielleicht ist es klarer mit dem Schoenberg-Zitat und der Antwort zu b)? Mir geht es bei dem Begriff Elite in diesem Zusammenhang um die Kennerschaft, über die man verfügen muss, um Kunst würdigen und genießen zu können. Es ist z.B. ein weit verbreiteter Irrglaube, Musik sei eine universelle, kultur- und grenzüberschreitende Kommunikationsform, die nicht das Trennende der Sprachen hat. Das stimmt aber nicht. Man muss es lernen, etwas mit der H-Moll-Messe anfangen zu können. Für Unbedarfte ist es zwei Stunden bleierne Langeweile. Kommunikationstheoretisch könnte man auch sagen: Man muss lernen, die gesendeten Botschaften zu entschlüsseln, sonst nimmt man nur Rauschen wahr. Bei Kunst sind die gesendeten Botschaften häufig besonders komplex, deswegen ist der Kreis derjenigen, der sie nicht als Rauschen wahrnimmt, relativ klein und damit elitär. Aufgabe des Kulturmarketings ist es in meinen Augen, diesen Kreis zu vergrößern.
Zu d) Mir ging es um eine Öffnung hin zur Web 2.0-Philosophie; dass nicht mehr einer die Botschaft sendet und andere sie empfangen, sondern, dass alle zugleich Sender und Empfänger sind. Worauf das für die Kunst genau hinausläuft, wie das aussehen wird, ist dann eine andere Frage, die mich momentan zwar beschäftigt, die ich aber (noch) nicht beantworten kann. Ich könnte mir aber vorstellen, dass Kunst dadurch auch publikumsorientierter werden könnte.

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