Der Baader-Meinhof-Komplex im Kino

Veröffentlicht von Christian Holst am

Die große PR-Maschinerie, die für den neuen RAF-Film in Bewegung gesetzt wurde, hat bei mir gegriffen und mich dazu bewogen, direkt zwei Tage nach Filmstart ins Kino zu gehen. Ein sehr lohnender Besuch wie ich finde. Im Zeitraffer braust man durch die RAF-relevanten Ereignisse der Jahre 1967 bis 77. Für Zeitzeugen mag das alles zu oberflächlich, zu schnell, zu ungenau, zu sehr auf Action gemünzt sein. Mir, als jemandem, dem die Detailkenntnisse fehlen, ging das nicht so. Im Gegenteil. Das hohe Tempo und die Action des Films erzeugen ebenso eine Ahnung von der Beklemmung und Angst, die der Terror ausgelöst haben muss wie von der Dynamik, mit der die Gewalt immer weiter eskaliert. Von Sachbeschädigung bis hin zum rasenden Gemetzel bei der Schleyer-Entführung und der Entführung der Landshut.

Außerdem geht der Film darüber hinaus indem er exemplarisch am Beispiel von Ulrike Meinhof (Martina Gedeck) den Weg in den Terror auch psychologisch beschreibt. Dass hier nur eine Person ausgewählt wurde, ist zwar in gewisser Weise willkürlich und sorgt dafür, dass die Personen sehr uneinheitlich dargestellt sind, bei 123 Sprechrollen und einer Zeitspanne über 10 Jahre anders aber auch nicht machbar. Bei Martina Gedecks Meinhof aber werden die anfänglichen Skrupel und Zweifel deutlich, der Konflikt, sich gesellschaftlich engagieren zu wollen, aber nicht zu wissen wie, das Abgleiten in den Terror, die Frage nach der Verantwortung gegenüber ihren Kindern etc. Gudrun Ensslin (Johanna Wokalek) und Andreas Baader (Moritz Bleibtreu) bleiben dagegen ziemlich eindimensional. Besonders Moritz Bleibtreu macht aus Baader als chauvinistischen, brutalen Proleten ohne einen Funken Intelligenz eher eine Witzfigur, denn den zynisch-intelligenten Kopf einer Terrorgruppe.

Nichtsdestotrotz lohnt der Besuch und regt einen dazu an, sich eingehender mit der gesamten Thematik zu beschäftigen.

Rezensionen zum Film:
Der Spiegel nennt den Film eine Historienlektion ohne Haltung. – Die FAZ bezeichnet den Film als Polit-Porno, weil er nur aus Höhepunkten bestehe (Witz komm raus!). – Der ehemalige Innenminister Baum meint in der Zeit, dass der Film keine neuen Erkenntnisse bringe. (Wie auch, wenn er nach dem Buch von Aust gedreht wurde?)


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