Warum der Klassikbetrieb keinen Geschlechterkampf braucht

Susanne Küblers Kritiken zu den Produktionen am Opernhaus Zürich habe ich nicht immer geteilt, fand sie aber immer fair und nachvollziehbar. Gleiches gilt für ihre kulturpolitischen Statements. Umso mehr wundert mich ihr aktueller Artikel über die angeblich ausbaufähige Gleichberechtigung im Klassikbetrieb. Sie lobt zunächst die Bemühungen des Lucerne Festivals, dirigierende und komponierende Frauen zum Schwerpunkt zu machen. Das mag man als kulturpolitisch wertvolles Signal werten. In meinen Augen ist das eine Themensetzung, die vor allem unter PR-Gesichtspunkten sinnvoll war, weil sie mehr Medien-Aufmerksamkeit gebracht hat, als etwa «Humor» oder andere Schwerpunkte der letzten Jahre. Aber welches künstlerisches Statement sollte damit verbunden sein?

Als würde das Geschlecht darüber entscheiden, ob jemand ein guter, spannender oder langweiliger Künstler ist. Da das offenkundig nicht der Fall ist, leuchtet mir auch die von Kübler nachgeschobene Kritik nicht ein:

Im glamourösen Kernbereich des Festivals dagegen dominierte auch dieses Jahr der «PrimoUomo»: Von den 29 Sinfoniekonzerten wurden nur gerade vier von Frauen dirigiert. Bei den dort aufgeführten Werken ist die Bilanz noch dürftiger; zwei stammten von Komponistinnen, die übrigen von 42 teilweise mehrfach vertretenen Komponisten.

Wie sollte das denn aber auch aussehen? Das Lucerne Festival lebt davon, dass die besten Dirigenten der Welt mit den besten Orchestern der Welt das große sinfonische Repertoire darbieten. Aber wo sind denn heute die weiblichen Simon Rattles, Kirill Petrenkos oder Teodor Currentzisse, die man einfach nicht machen ließe? Die aktuell hoch gehandelte Mirga Gražinyte-Tyla lächelte einem diesen Sommer aus allen Feuilletons entgegen und hat in Luzern das Chamber Orchestra of Europe dirigiert. Es ist nicht so, dass talentierte Dirigentinnen unsichtbar gemacht würden.

Tja, und was soll man zu den «teilweise mehrfach vertretenen» Komponisten sagen? So lange man nicht noch ein paar Dutzend Partituren von Komponistinnen des 19. Jahrhunderts ausgräbt, deren künstlerische Qualität uns zwingt, die ganze Musikgeschichte neu zu schreiben, wird es wohl so bleiben, dass am Lucerne Festival viel Mahler, Bruckner und Beethoven gespielt wird. Die fehlende «Gleichberechtigung» ist ganz einfach mit den sozialen Gegebenheiten der Entstehungszeit des Kernrepertoires erklärbar und somit überhaupt nicht unverständlich, wie Kübler es beklagt. Nebenbei bemerkt: Der Begriff Gleichberechtigung ist in diesem Zusammenhang irreführend, weil niemandem Rechte streitig gemacht werden. (Es gibt kein Recht, den Chefposten der Berliner Philharmoniker zu bekleiden. Auch nicht für Männer wie Christian Thielemann, die grundsätzlich kompetent wären.) Kübler möchte eigentlich auf Gleichstellung hinaus – einen gleich hohen Anteil an Männern und Frauen auf allen Positionen. Das ist aber ein gesellschaftspolitisches Ziel, kein künstlerisches.

Nun leitet Kübler aus diesem angeblichen Gleichberechtigungsproblem ab, dass die Veranstalter einen riesengroßen Fehler begehen und die Hälfte des Publikums vor den Kopf stoßen, wenn sie nur wenig Frauen dirigieren lassen:

Schliesslich kämpfen alle Veranstalter ebenso verbissen wie verzweifelt um neues Publikum. Und da bieten sie der Hälfte der potenziellen Zuhörer keine Identifikationsfiguren? Man braucht keine Feministin zu sein, um darüber den Kopf zu schütteln.

Als würden Konzertbesucher – männlich oder weiblich – das Konzerterlebnis danach bewerten, ob die gespielten Komponisten oder gar die Person am Pult Geschlechtsgenossen sind oder nicht. Das geht meines Erachtens nun völlig an der Sache vorbei. Zumal der Prozess Richtung Gleichstellung ohnehin in Gang ist: Bei den Dirigentinnen und zeitgenössischen Komponistinnen ist er erkennbar und in den Orchestern ist er schon weit fortgeschritten. Daniel Barenboim sagte schon vor einigen Jahren auf die Frage, ob man nicht eine Frauenquote für Orchester brauche:

Wenn man in der Musik eine Quote einführen wollte, dann fiele diese bestimmt nicht zugunsten der Frauen aus. In den meisten Orchestern sitzen heute mehr Frauen als Männer. Wenn überhaupt, dann müsste man eine Männerquote einführen, wir brauchen in Zukunft wieder mehr junge Männer, die so gut ausgebildet sind und so fleißig und ehrgeizig wie viele gleichaltrige Frauen. Schauen Sie sich das Concertgebouw-Orchester an, da haben Sie fast nur Frauen! (Die ZEIT)

Laut Umfrage der Grammophone gilt das Concertgebouworkest übrigens als bestes der Welt, noch vor den Berliner und Wiener Philharmonikern. Ich glaube allerdings nicht, dass der hohe Frauenanteil der Grund dafür ist. Der Grund dürfte eher darin zu finden sein, dass die Auswahl der Kandidaten rein nach künstlerischen Gesichtspunkten getroffen wurde.

4 Kommentare

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