Conversation is King

Bill Gates Ausspruch «Content is king» schien lange Zeit ganz besonders auch für Kultureinrichtungen zu gelten. Schließlich ist das Produkt hier keine Ware oder Dienstleistung, sondern selbst «Content», die Häuser «prall gefüllt mit Geschichten und Geschichte, Menschen und Berufen», wie Hagen Kohn vor einiger Zeit schrieb.  Ich selbst war auch lange von dieser These überzeugt und habe sie z.B. in meinem Beitrag zum ersten stARTconference-Tagungsband vertreten. Gute, interessante Inhalte, so die Überzeugung, werden durch Suchmaschinen und die Verteilmechanismen digitaler Netzwerkmedien schon das Publikum erreichen, das sich für diese Inhalte interessiert. Pull statt Push. In meiner Arbeit ist dann allerdings eine gewisse Ernüchterung eingetreten, die ich vor einiger Zeit in einem Blogbeitrag beschrieben habe. Mir schien, dass insbesondere auf Facebook doch wieder die Regeln der klassischen Push-Werbung gelten. Der Blog-Artikel ist bereits dreieinhalb Jahre alt, der Eindruck verfestigt sich aber immer mehr. Mehr…

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Rückblick aufs Symposium an der Uni Regensburg

Auf Twitter habe ich schon etwas gespoilert: Das Symposium an der Uni Regensburg zum Thema «Die Zukunft des Kulturbetriebs in der digitalisierten Gesellschaft» war wirklich gut und interessant. Interessant war allein schon der Titel, weil er offen lässt, ob sich denn der Kulturbetrieb in einer digitalisierten Gesellschaft überhaupt selbst auch digitalisieren müsse. Normalerweise wird das ja als Selbstverständlichkeit vorausgesetzt und es gibt kollektives Haareraufen, wie schlimm Deutschland hinter dem Rest der Welt herhinkt und wie schlimm der Kultursektor hinter dem restlichen Deutschland hinterherhinkt. Hier war es ein etwas nüchternerer Blick: Die Digitalisierung ist ein Phänomen, mit dem man sich beschäftigen muss, aber die Schlussfolgerungen für das eigene Handeln liegen keinesfalls so sehr auf der Hand, wie immer der Anschein erweckt wird. Mehr…

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Das war das nördlichste stARTcamp aller Zeiten

Mittlerweile ist das Thema Digitalisierung auch im Kultursektor angekommen. Man kann das u.a. am Interesse am ersten Hamburger stARTcamp sehen. Trotz Vorverkaufsstart mitten in der Sommerpause waren die Tickets binnen anderthalb Wochen praktisch weg. Etliche Teilnehmer nahmen auch längere Anreisen in Kauf, um bei der Premiere dabei zu sein. Auch die Bereitschaft, Sessions anzubieten war erfreulich (vielleicht hatte das mit den tollen Incentives zu tun, die Katrin Schröder und René Scheer vorbereitet hatten), Session- und Raumangebot gingen genau auf. Weil sich alle Teilnehmer sehr diszipliniert an die «Jeder nur 3 Hashtags»-Regel in der Vorstellungsrunde hielten und der Sessionplan früher fertig war als gedacht, konnten wir sehr entspannt in den Vormittag starten.

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Theaternahes Rahmenprogramm auf dem Weg zur größten Sparte

Vor einer Woche hat der Deutsche Bühnenverein die Statistik für die Saison 2015/16 herausgegeben. Weitgehend Stabilität und Kontinuität: Gleich viele Vorstellungen wie in der Vorsaison, gleich viel Eigeneinnahmen, etwas mehr Geld von der öffentlichen Hand, ein paar mehr Mitarbeiter. Deutlich angestiegen sind zwei Zahlen: Zum einen die Besuchszahlen im Kinder- und Jugendbereich. Hier ist ein Zuwachs von 5 % festzustellen. Zu den Gründen dafür ist zumindest in der Pressemeldung nichts zu lesen. Zum anderen ist das «theaternahe Rahmenprogramm» angewachsen – um fast 10 %. Diese «5. Sparte» ist bereits in den vergangenen Jahren zur zweitgrößten Sparte in Bezug auf die Veranstaltungszahl angewachsen. Gemeint sind hier kleine Sonder- und Vermittlungsveranstaltungen: Podiumsdiskussionen, Workshops, Lesungen, Matineen – eben alles, was keine «normale», reguläre Aufführung ist. Bühnenverein-Geschäftsführer Grandmontagne sieht den Zuwachs dieser Veranstaltungen als Zeichen dafür, dass die Theater «also messbar mehr dafür [tun], in die Stadtgesellschaft hineinzuwirken und ihrer gesellschaftspolitischen Verantwortung gerecht zu werden.» Das ist sicher richtig und der Trend wird sich auch weiter fortsetzen. Mehr…

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Symposium: Die Zukunft des Kulturbetriebs in der digitalisierten Gesellschaft

Am 9. und 10. Oktober veranstalten die Lehrstühle für Medieninformatik und vergleichende Kulturwissenschaften der Uni Regensburg gemeinsam ein interdisziplinäres Symposium mit dem Titel «Die Zukunft des Kulturbetriebs in der digitalisierten Gesellschaft». Ich habe die Ehre, dort das Cast-Forschungsprojekt «Moving pictures moving audiences?» vorstellen zu dürfen. Bei diesem Projekt haben wir untersucht, wie Zürcher Kultureinrichtungen Bewegtbild in ihre Kommunikationsstrategie integrieren. Die Teilnahme an dem Regensburger Symposium ist übrigens kostenlos, man muss sich nur bis zum 30. September beim Organisationsteam anmelden. Und wer nicht kommen kann, findet einen Aufsatz über das Projekt in der kommenden Ausgabe der Zeitschrift für Kulturmanagement.

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Zwei „Save the dates“: stARTcamps 2017

Nach der Elbphilharmonie-Eröffnung und dem G20-Gipfel steht für 2017 noch ein weiteres bedeutendes Ereignis in Hamburg an, das größte mediale Aufmerksamkeit verdient: Am 23. September wird erstmals ein stARTcamp in der Hansestadt stattfinden. Veranstaltet wird es gemeinsam vom Institut für Technische Bildung und Hochschuldidaktik der TU Hamburg-Harburg, in dem das Camp auch stattfinden wird und vom Archäologischen Museum Hamburg. Die Initiative, endlich auch ein Camp in Hamburg durchzuführen, kommt vom vom Social Media Stammtisch Kultur Hamburg (#smskulturhh), aus dessen Teilnehmerkreis sich auch das Orgateam rekrutiert. Es wird ein kleines feines Camp mit max. 50 Teilnehmern werden. Tickets werden in Kürze erhältlich sein.

Ebenfalls eine Premiere – sogar in mehrfacher Hinsicht – wird das Schweizer stARTcamp sein, das am 20. November in Sion im Wallis stattfindet. Es ist das erste stARTcamp außerhalb des deutschen Sprachraums und daher auch das erste mehrsprachige. Sessions können in französisch, deutsch oder englisch angeboten werden. Die Tickets sind ab sofort erhältlich.

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Der «informierte Künstler» ist ein Unternehmer

Auf nachtkritik gibt es seit einigen Jahren schon die Serie Debatte zur Zukunft des Stadttheaters. Besondere Highlights dieser Serie sind der Artikel von Ulf Schmidt zum agilen Theater und – ganz aktuell – ein Beitrag von Thomas Schmidt, der ein interessantes neues Reformmodell vorstellt, das man schleunigst einmal ausprobieren sollte. Schmidt beklagt, dass die Reformmodelle, die bislang diskutiert und umgesetzt wurden (zuletzt in Mecklenburg-Vorpommern), immer auf die Machtabsicherung der Intendanz abzielen. Als Alternative entwickelt er dagegen ein Mitbestimmungsmodell, das den „informierten Künstler“ voraussetzt. So wie ich den Beitrag lese, ist das einfach ein anderes Wort für den kulturunternehmerisch denkenden Theatermitarbeiter. Die in einer Person gebündelte Leitungsmacht wird durch ein Mitbestimmungsmodell, das Künstlern (und hoffentlich auch anderen Mitarbeitern) erlaubt, Einfluss auf die strategischen Entscheidungen ihres Theaters zu nehmen. Das ist eigentlich das Modell, das viele freie Orchester bereits praktizieren. Meine These ist ja, dass sich eine solche unternehmerische Haltung auch sehr positiv auf die künstlerische Klasse auswirken wird. Wäre interessant zu sehen, ob sich dieser Effekt im Theaterbereich auch so zeigen würde. Mehr…

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Künstlerische Forschung über Trump vs. Clinton

Mir war lange nicht klar, was «künstlerische Forschung» eigentlich sein und bringen soll. Jetzt bin ich zufällig auf ein Beispiel gestoßen, anhand dessen man das gut erklären kann: «Her Opponent» ist eine Art «Best of» aus den Fernsehdebatten von Clinton und Trump, nachgestellt mit der Methode des dokumentarischen Theaters. Das Setting ist allerdings etwas verändert: Trump wird von einer Frau und Clinton von einem Mann dargestellt. Die Idee dabei:

What would the experiment reveal about male and female communication styles, and the differing standards by which we unconsciously judge them?

Die Annahmen der Forscher waren folgende:

that Trump’s aggression—his tendency to interrupt and attack—would never be tolerated in a woman, and that Clinton’s competence and preparedness would seem even more convincing coming from a man.

Vor und nach den Vorstellungen wurden die Zuschauer befragt, was sie von der Debatte mit vertauschten Geschlechterrollen erwarten bzw. wie sie sie wahrgenommen hatten. Die Ergebnisse waren überraschend. Viele Personen hatten nicht damit gerechnet, dass sich ihre Sicht auf die Debatte so ändern würde. Der hartnäckige, angriffige Debattierstil der Frau fand Anerkennung und Respekt, das faktenkundige, aber auswendig gelernt erscheinende Reden des Mannes fand niemand einnehmend. Sein Dauerlächeln wurde gar als «really punchable» beschrieben. Die Wahl wäre also möglicherweise wesentlich deutlicher zu Gunsten Trumps ausgegangen, wenn er eine Frau und Clinton ein Mann wäre.

Auf youtube gibt es einen kurzen Probenmitschnitt zu sehen. (S. auch die Kommentare unter dem Video.)

Leider habe ich nicht das ganze Stück gesehen und eine Einschätzung auf Basis dieser zwei Minuten ist zugegebenermaßen etwas zweifelhaft. Aber mein vorsichtiger Eindruck geht in die Richtung, die auch das Publikum beschreibt. Zwar wirkt keiner der beiden Kandidaten sympathisch oder gar gewinnend, aber die Frau doch wesentlich klarer und greifbarer in ihrem Anliegen.

Dokumentarisches Theater ist sicher methodisch an vielen Punkten angreifbar: Vielleicht war die Frau einfach der bessere Schauspieler? Vielleicht wäre mit anderen Schauspielern etwas anderes herausgekommen? Trotzdem zeigt dieses Beispiel in meinen Augen gut, dass künstlerische Forschung durch Veranschaulichung und Perspektivwechsel aufschlussreiche Erfahrungen und Erkenntnisse ermöglichen kann.

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RIP Stanisław Skrowaczewski

Am Dienstag ist Stanisław Skrowaczewski im Alter von 93 Jahren gestorben. Für meinen Geschmack der beste Bruckner-Dirigent überhaupt und insgesamt ein Dirigent, der viel zu wenig Beachtung und Aufmerksamkeit gefunden hat. Ich bin erst vor knapp drei Jahren überhaupt auf ihn aufmerksam geworden und hatte so aber immerhin das Glück, ihn im Februar 2015 live mit dem Sinfonieorchester Basel zu erleben.

Insbesondere seine Interpretation der 8. Sinfonie von Bruckner ist für mich unübertroffen. Das wird mir immer besonders deutlich, wenn ich das Stück heute im Konzert (oder auf CD) höre, so wie vergangenen Sonntag, als Kent Nagano es mit dem Staatsorchester Hamburg in der Elbphilharmonie aufführte. Es ist immer Skrowaczewskis Referenz an der die anderen scheitern, auch wenn sie gut sind.
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Jahrestagung Fachverband Kulturmanagement

Ende Januar fand in Weimar die Jahrestagung des Fachverbands Kulturmanagement statt. Thema der Tagung war «Kultur im Umbruch. Transformation von Systemen, Institutionen und Formaten». Im Ankündigungstext hieß es:

Migration, Digitalisierung, Globalisierung gehen mit einer Neuordnung des kulturellen Feldes einher. Praktiken, Institutionen und Arbeitsbedingungen in der Kulturproduktion und Kulturkonsumption haben sich fundamental gewandelt. Sozioökonomische, demographische und technologische Entwicklungen stellen unter anderem Kulturpolitik und Kulturfinanzierung vor große Herausforderungen. Betroffen sind davon kulturell-künstlerische Produktion, Distribution und Rezeption (z. B. durch TTIP, Kulturgutschutzgesetz, neue Technologien etc.). Vor diesem Hintergrund zeichnet sich eine sektorale Neuverortung und Neubestimmung ab, in der auch die Kräfteverhältnisse zwischen öffentlich-rechtlichen, privatwirtschaftlich-kommerziellen und zivilgesellschaftlichen Akteuren und Institutionen neu ausgehandelt werden. Diese Transformation verlangt einen Umbau des gesellschaftlichen Kultursystems und seiner Institutionen.

Ein aktuelles, spannendes Thema also. Dieses Thema ausgerechnet auf einer Tagung in Weimar zu diskutieren hatte einen gewissen ironischen Reiz. Ich war zum ersten Mal in der Stadt und habe zugegebenermaßen nur einen oberflächlichen Eindruck erhalten. Aber dem Anschein nach gibt es nur wenig andere kulturelle Orte in Deutschland, die so sehr von ihrer kulturellen Vergangenheit leben und zehren. Hier ist einfach alles irgendwie Goethe, Schiller oder Anna Amalia. Die Stadt ist klein, hübsch, adrett, sauber, wenn es nicht so abschätzig klingen würde, könnte man auch sagen provinziell. Von Umbruch, Migration, Digitalisierung oder gar Globalisierung ist hier wenig bis gar nichts zu merken, wenn man mal eine Handvoll japanischer Touristen außen vor lässt. Aber warum sollte man nicht gerade an so einem Ort, also mit gewissem Abstand, über genau diese Themen nachdenken und diskutieren? Mehr…

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