Junge Konzertbesucher – in Paris gibt’s sie

Veröffentlicht von Christian Holst am

Norman Lebrecht schreibt in seinem Blog über eine Studie, nach der die Pariser Konzert- und Opernbesucher im Durchschnitt 32 Jahre alt sind. Das passt so gar nicht zu den Sorgen über die Überalterung der Konzertbesucher oder gar deren langsames Aussterben, wie man sie sonst kennt. Die Gründe für das niedrige Durchschnittsalter sieht Lebrecht darin, dass sich die klassische Musikszene in Paris zur Zeit in Aufbruchsstimmung befindet und ihr elitäres, exklusives Image verloren hat. Konzerte und Oper werden als anspruchsvolle, aber eben auch unterhaltsame, angenehme Freizeitgestaltung wahrgenommen, bei der man nette Leute treffen und sich niveauvoll amüsieren kann. Dazu kommt, dass international berühmte, einheimische Künstler in Fernsehshows auftreten und ihre Arbeit damit populär machen.

Ob das das ganze Geheimnis ist? Ich denke, gewisse inhaltliche Voraussetzungen müssen auch erfüllt sein, damit solch ein Boom mehr als eine Modeerscheinung ist. Da wäre es zum Beispiel interessant zu wissen, ob die musikalische Bildung in Frankreich anders aussieht, wie die Spielpläne gestaltet werden, was an Einführungen und Kulturvermittlung durch die Kultureinrichtungen jenseits von Fernsehauftritten angeboten wird usw.


6 Kommentare

Norbert · 18. Juni 2009 um 12:38

Bei der letzten Veranstaltung der Bremer Philharmoniker habe ich sogar mit meinen 37 den Durchschnitt gewaltig nach unten gerissen 😉

CH · 18. Juni 2009 um 14:41

Ja, auf solchen Konzerten war ich in Bremen (und anderswo) auch schon. 🙂 Aber ich fänd es jetzt wirklich mal interessant zu wissen, woran das liegt, wenn es doch in Paris zu klappen scheint.

Norbert · 19. Juni 2009 um 5:47

Stimmt, das würde mich auch interessieren.

Petra · 9. Juli 2009 um 10:44

Als eine, die seit 20 Jahren in Frankreich lebt, möchte ich vermuten, dass Kunst und Kultur allgemein einen anderen gesellschaftlichen Stellenwert hat, nämlich als über-lebenswichtig und bereichernd, als Inbegriff von Zivilisation und Charakteristik eines Staates empfunden wird.

Die größere Rolle dürfte aber spielen, dass Kunst und Kultur (nicht nur Musik) schon ab dem Kleinkindalter auf Menschen zugehen und die KünstlerInnen keine Berührungsängste mit der „Straße“ haben. Das fängt bei kindgerechten Veranstaltungen an und endet bei Künstlern, die mit Kindern in der Maternelle oder der Schule, auch bei Festivals Kunst produzieren. So wird nicht nur Nachwuchs entdeckt, so werden Kunden für später gewonnen.

Kommen unzählige Aktionen und Ideen dazu, z.B. klassische Musik an Otto Normalbürger zu bringen. Ich erinnere mich an ein Straßensingen (Franzosen sind extrem sing- und musikbegeistert, selbst sehr aktiv) mit Passanten, initiiert von Opernsängern, die in Nullkommanichts einen Laienchor einlernten. Das wurde außerdem in den Medien begleitet. Es gibt dazu so eine Art „Frankreich musiziert“ (von ARTE live übertragen), wo das ganze Land ein paar Tage nur Musik macht – von den Stars bis zum Dorfverein.

Und nicht zu vergessen: Für junge Menschen gibt es in Frankreich erhebliche Vergünstigungen bei den Karten und spezielle Kulturpässe – übrigens nicht nur in Paris, im ganzen Land!

Aber in Deutschland ist es doch sooo schlimm auch nicht, oder? Ich habe mir sagen lassen, dass das Publikum im Festspielhaus Baden-Baden auch bei den hochkarätigen Vorstellungen SEHR jung sei (was sicher auch daran liegt, dass die „billigen“ Plätze dort endlich bezahlbar sind).

Aus dem Ausland gesehen empfinde ich in D. diese künstliche Schwelle zwischen E und U leider als sehr hinderlich. Dabei kann auch Hochkultur „chic“ sein, wie man in F sieht…

CH · 9. Juli 2009 um 14:19

Vielen Dank für diesen aufschlussreichen Kommentar. Insbesondere interessant finde ich, dass Kinder offenbar von klein auf an animiert werden, selbst Kunst zu machen, dass Künstler nicht nur für, sondern eben auch mit Kindern Kunst machen. Ich persönlich glaube, dass darin der Schlüssel dazu liegt, ob diese Menschen sich als Erwachsene für Kunst und Kultur interessieren. Die Faszination von Kunst vermittelt sich durch das Selber machen. Dabei muss sicher nicht das Ziel sein, dass jeder ein herausragendes Potenzial in sich entdeckt, sondern einfach ein Grundverständnis und eine grundlegende Freude an Kunst erfährt. Was du schreibst, scheint meine These zu bestätigen.

Ich sehe es auch so, dass es in Deutschland nicht soooo schlimm ist. Aber der Trend ist sicher negativ und die sog. Hochkultur wird häufig als «ferne Kultur» wahrgenommen, als etwas nicht alltägliches. Und häufig ist das natürlich auch gewollt.

Petra · 10. Juli 2009 um 10:39

Mir fällt noch „El Sistema“ in Venezuela ein (Doku gerade erschienen) – das hat mit Frankreich einen Punkt gemeinsam: Das Engagement ist aus Mangel entstanden. Ein Land im klassischen Musikfieber!

In Frankreich kam das starke Engagement der meist nicht fest angestellten Künstler zustande, weil diese zum Überleben einen Nebenverdienst brauchten. Dann haben die Kulturinstitutionen und der Staat begriffen, wie es der Gesellschaft nützt und Finanzierungen gegeben (Sarkozy baut das derzeit massiv ab und spart an den Schulen!).

Ich denke, in D. wartet man manchmal zu gern auf „die da oben“, verlässt sich auf Institutionen und Althergebrachtes. Dabei haben Künstler mehr Macht, als sie glauben. Mir fallen da manche „Superstars“ der klassischen Musik aus dem Fernsehen ein, die im Feuilleton dafür abgewatscht werden, dass sie Showbiz beherrschen. Aber die hört sich sogar Tante Erna an, die sonst nur auf Volksmusik steht.

Oder Rebecca Carrington mit ihrem Musikkabarett „Me and my cello“ – danach wollte ich nur noch Musik mit Cello hören, begeistert davon, was man mit diesem Instrument anstellen kann. (Und ich höre Klassik seit meiner Kindheit).

Ich glaube fest daran, dass die Künstler selbst und Veranstalter diese künstliche Grenze durchbrechen können. Ich arbeite in einer anderen „Kunst“ daran und stelle immer wieder fest: Der Hunger des Publikums nach „Hochkultur“ ist da und wächst sogar. Probleme: Man muss Zugang und Verständnis erleichtern – man muss neue Wege finden, die Hungrigen zu erkennen und anzusprechen. Nach der Lösung für letzteres suche ich noch…

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