4. Forum Kulturvermittlung: Funding by muddling through

Veröffentlicht von Christian Holst am

Vergangenen Donnerstag besuchte ich das vierte Forum zur Kulturvermittlung von Pro Helvetia, das diesmal im Stadttheater Biel stattfand. Nachdem es in den ersten Foren um die Frage ging, was Kulturvermittlung eigentlich leisten kann und soll und ob sie gar die Kulturwelt retten könne, wurde diesmal die Frage verhandelt, wer das alles eigentlich bezahlen soll. Denn einerseits ist in den klassischen Kultureinrichtungen die Kulturvermittlung als ein Arbeitsfeld erkannt worden, das eine hohe strategische Relevanz besitzt. Andererseits sind die finanziellen Mittel der Einrichtungen in aller Regel nicht erhöht worden, um den zusätzlichen Aufwand für Kulturvermittlung abzudecken – eher im Gegenteil. Die Situation ist hinlänglich bekannt.
In den Vorträgen des Forums wurden durchwegs sehr interessante Vermittlungsprojekte vorgestellt, allein, die Rahmenbedingungen ihrer jeweiligen Finanzierung schienen mir so speziell, dass sich die Leitfrage des Tages in meinen Augen eigentlich nicht beantworten ließ. Es ist eine schöne Anekdote, wenn Catherine Milliken (bis vor kurzem Leiterin des Education-Programms der Berliner Philharmoniker) berichtet, wie Simon Rattle bei der Deutschen Bank aufschlägt, seine Ideen für ein Education-Programm vorstellt und die Bank nur noch die Kontonummer wissen möchte, auf den sie einen ordentlichen sechsstelligen Betrag überweisen kann. Nur spiegelt das nicht die Realität der Kultureinrichtungen wieder, die in der Regel nicht über die internationale Strahlkraft eines Simon Rattles oder der Berliner Philharmoniker verfügen.
Für die normale Kultureinrichtung um die Ecke passt eher das Finanzierungsmodell des Vermittlungsprogramms Schulhausroman, das Initiator Richard Reich vorstellte. Das basiert darauf, hier ein bisschen Geld aufzutun, dort ein bisschen Geld aufzutun, Leute vor Ort zu kennen, die jemanden kennen, der einen guten Draht zur Bildungsbehörde oder einem Sponsoren oder sonst jemandem mit Geld hat, eine Schule zu finden, die eigenes Geld zur Verfügung hat und Anträge, Anträge und nochmals Anträge zu schreiben. Funding by muddling through könnte man das in Anlehnung an eine berühmt-berüchtigte Management-Methode nennen. Ich meine das mit größtem Respekt vor dieser aufreibenden Arbeit, aber eine verallgemeinerbare und übertragbare Systematik steckt eben auch hier nicht dahinter. Oder anders gesagt: jede Kultureinrichtung müsste ihre eigene Muddling-through-Systematik über Jahre nach dem Prinzip Trial and Error ermitteln.
Die einzige Erkenntnis in Bezug auf Finanzierung von Kulturvermittlung im besonderen – aber natürlich auch Kulturarbeit allgemein – die sich generalisieren lässt, klang zwar immer wieder durch, wurde aber nicht so ganz direkt und offen angesprochen: Es ist das Sponsoring durch die Mitarbeiter, das in Form von Selbstausbeutung und implizitem Lohnverzicht eingebracht wird. Aber auch das ist muddling through statt Konzept – auch wenn der Wahnsinn leider viel zu oft Methode hat.


6 Kommentare

Axel Kopp · 5. März 2012 um 11:58

Guter Artikel! Du sagst ja schon, dass es DIE Lösung nicht gibt, doch stellt sich die Frage, wo innerhalb der mehrdimensionalen Kulturfinanzierung die größten Potenziale liegen. Ich vermute, dass die Antwort weder Crowdfunding noch Fundraising heißt, sondern Stiftungsgelder. Allein schon die Tatsache, dass es in Deutschland fast 19.000 Stiftungen gibt und jährlich 800 neue gegründet werden, zeigt, dass es hier ordentlich Gelder zu verteilen gibt…

    Christian Holst · 5. März 2012 um 14:26

    Danke! 🙂 Ja, Stiftungen werden an Bedeutung gewinnen, das denke ich auch. Stiften statt vererben kommt immer mehr auf, vielleicht, weil es wohlhabenden Leuten eine gewisse Form der Unsterblichkeit gewährt. 😉 Für die Enrichtungen, die sich auf diesem Wege finanzieren wollen, fängt damit das muddling through aber erst so richtig an: Ein Problem ist ja z.B., das sehr viele Stiftungen Initiierungs- oder Projektkosten tragen, aber sich nicht an Betriebs- und Infrastrukturkosten beteiligen wollen. Außerdem hat jede Stiftung ihre eigenen kulturpolitischen Schwerpunkte und Zielsetzungen, zu denen dann die zu finanzierenden Projekte passend gemacht werden müssen. Damit wird oftmals die künstlerische Autonomie und die Kreativität der Einrichtungen tangiert. So lange man noch kein ausgebuffter, gut vernetzter alter Antragshase ist, geht die Planungssicherheit gegen Null, die Stiftungen sind in ihren Vergaben oftmals sehr langsam und schwerfällig usw. usf.

Axel Kopp · 5. März 2012 um 18:48

Dass nur Projekte bezuschusst werden, halte ich für das größte Problem (auch beim Crowdfunding). Der Beeinträchtigung der künstlerischen Autonomie sehe ich gelassener entgegen, denn meist ist der Stiftungszweck recht vage beschrieben und lässt genügend Spielraum. Außerdem gibt es, wie gesagt, genügend Stiftungen an die man sich theoretisch wenden kann.
Wie lange die Vergabeverfahren dauern, kann ich nicht beurteilen. Den Städten sagt man ja auch eine ziemliche Trägheit nach, aber aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass die Projektförderanträge beim Kulturamt Stuttgart sehr schnell bearbeitet wurden. Keine Ahnung wie das in anderen Städten und bei Stiftungen ist…

    Christian Holst · 5. März 2012 um 20:39

    Ich habe diesen ganzen Zirkus mal für ein Projekt durchgespielt und diese Erfahrungen gemacht. Gerade viele kleinere Stiftungen haben 2 Mal im Jahr Stiftungsratssitzungen, wo über die Anträge entschieden wird und das kann dann schon mal dauern. Und bei Institutionen, die erfolgreich auf diesem Wege Geld reinholen, habe ich auch immer wieder mitbekommen, wie die sich dann Projekte ausgedacht haben, die zu aktuellen Programmen passen. Aber gut, Geld reinholen ist (fast) nie einfach. 🙂

Eva Richterich · 12. März 2012 um 13:50

Lieber Christian Holst
Besten Dank für den Artikel. Ihre Kritik, dass sich die Modelle nicht 1:1 anwenden lassen, ist berechtigt. Andererseits war das Ziel der Veranstaltung nicht, DIE Lösung zur Finanzierung aufzuzeigen. Die gibt es in der förderalisitischen Schweiz ohnehin nicht, da die Situation in jedem Kanton, jeder Stadt wieder ganz anders ist. Wir wollten vielmehr aufzeigen, welche Möglichkeiten es heute gibt (staatlich, privat, gemischt) und welche Auswirkungen sie auf die Praxis haben.

Die Foren richteten sich ja an Entscheidungsträger, die für die Situation sensibilisiert werden sollen um sie dann – im Idealfall – zu verbessern.

In dieser Hinsicht fand ich die Tagung nicht ganz so dünn, wie sie schreiben. Z.B. hat Richard Reich darüber berichtet, dass es für ihn zentral ist, dass keine Förderstelle mehr als 1/4 finanziert, weil sonst die künstlerischen Freiheit des Projektes leidet, das sich eben zwischen Bildungs- Kunst und sozialen Zielen bewegt. Er hat implizit auch aufgezeigt, dass die Tatsache, dass Vermittlungsprojekte oft nirgends so recht reinpassen, auch eine Chance sein kann. (Damit will ich natürlich nicht sagen, dass man das so lassen sollte !)
Cathy Milliken hat angesprochen, dass durch Austausch zwischen Institutionen (z.B. Kooperationen) auch Synergien, sogar Mittel, frei werden können und die Vermittlungsakteure sich unbedingt zusammenschliessen und austauschen müssen, um eine stärkere Stimme zu haben.

Im Bsp. von Agnes Chemama hat man gesehen, dass der staatliche Auftrag inklusive Mittel für die Vermittlung auch nur dann funktioniert, wenn die Institutionen wollen und inspirierte Leute am Werk sind. Die Idee, auch im Austausch mit z.B. privaten Geldgebenden neue Projekte zu entwerfen, wird noch sehr als Bedrohung wahrgenommen. Und die Kunst/das Angebot ist heilig. Dieser Weg führt, wie man sieht, zu einer sehr grossen Abhängigkeit vom Staat, was auch nicht immer der Sechser im Lotto ist, besonders wenn der dann sparen muss.

Kurzum, ich finde, wir konnten trotz fehlenden Lösungen, die Komplexität der Finanzierung in der Vermittlung etwas aufdröseln und für das Thema sensibilisieren.

Herzlich grüsst,
Eva Richterich

Christian Holst · 12. März 2012 um 14:25

Hallo Frau Richterich, besten Dank für Ihren Kommentar. Ich fand die Tagung überhaupt nicht dünn, im Gegenteil, ich schreibe ja, dass es durchwegs sehr interessante Beispiele waren, die Sie ausgewählt haben. Die Kritik in meinem Beitrag meint die insgesamt schwierige, unbefriedigende Situation in der Kulturfinanzierung, nicht die Tagung. Aber genau diese schwierige Situation ist ja an der Tagung deutlich geworden.
Und am Schluss, da sind wir uns absolut einig, sind es die inspirierten Leute in den Einrichtungen, die die Kulturvermittlung tragen. Leider oft auch finanziell, indem sie keine angemessene Bezahlung erhalten.

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