Was macht die «Mitmach-Avantgarde» mit der Kunst?

Veröffentlicht von Christian Holst am

Vioworld veranstalten gerade eine Blog-Parade zum Thema Net Powered Artists. Dazu heißt es dort:

Im Raum steht die provokante Behauptung, dass Kunst im Netz zwar neue und spannende Erscheinungsformen – wie z.B. den Mashup – hervorbringt, aber letztenendes zur “Brotlosigkeit” verdammt ist. Heimliches Ziel dieser Blogparade ist es natürlich, diese These anhand aktueller Beispiele zu widerlegen.

War die „Brotlosigkeit“ nicht immer schon das Damoklesschwert, das über dem Künstler schwebte? Im GDI Impuls las ich jedoch kürzlich einen Essay von Charles Leadbeater zu Kunst und Social Web, der nahelegt, dass die Kommerzialisierbarkeit von künstlerischer Arbeit eher noch schwerer wird, die Probleme der Musikkonzerne und die Diskussionen um ein Urheberrecht 2.0 deuten ebenfalls in diese Richtung. Digitalisierte Inhalte lassen sich problemlos vervielfältigen. Die Refinanzierung der künstlerischen Arbeit, die immer inhaltlicher Natur ist, muss also über etwas erfolgen, das sich nicht kopieren lässt. Nicht eben einfach und wahrscheinlich auch nicht sehr lukrativ. Kunst war bislang die Sache von verschrobenen Einzelgängern und die großen Kunstwerke der abendländischen Kulturgeschichte sind allesamt geniale Einzelleistungen. Gute Kunst wurde auf diese Weise zu einem knappen Gut, mit der immerhin einige wenige gut Geld machen konnten.

Gegen dieses traditionelle Paradigma stellt Leadbeater eine neue partizipative Kultur, die durch das soziale Netz bedingt und verbreitet wird, und sich immer mehr durchsetzt:

Diese «Mitmach-Avantgarde» wird durch die Art und Weise gespeist, in der das Internet partizipatorischen Ansätzen zur Kunst, einer digitalen Version der Volkskultur, in der Urheberschaft geteilt und kumuliert und keine individuelle Angelegenheit ist, neue Energie verleiht. (…) Der Künstler wird eher zum DJ oder Programmierer, er stellt ein Werk aus den bereits vorhandenen Modulen zusammen.

Es liegt auf der Hand, dass tragfähige Geschäfts- und Vermarktungsmodelle mit dieser neuen Webkultur grundsätzlich unvereinbar sind. Wo keine Urheberschaft individuell zugordnet werden kann und wo Massen für Massen produzieren, kann und soll auch kein Profit privatisiert werden. Damit wird durch den partizipativen Ansatz des sozialen Webs ein ganz zentrales Paradigma der abendländischen Hochkultur in Frage gestellt. Das klingt erstmal sehr sympathisch und beflügelt Leadbeater zu einer bald schon eschatologischen Sozialutopie des produktivsten Miteinanders in vollendeter Demokratie.

Tatsächlich wird das «Empowerment» durch das soziale Web deswegen wohl weniger ökonomischer als vielmehr inhaltlich-ästhetischer Natur sein und die Künste zwingen – zumindest für einige Zeit – weniger «die Gesellschaft», als sich selbst zu hinterfragen. Das ist so lange begrüßenswert, wie herausragende künstlerische Leistungen durch vergesellschafteten Zugriff nicht systembedingt auf Mittelmaß nivelliert werden und Kennerschaft zu einem nachrangigen Kriterium verkümmert, sowohl in der Produktion als auch in der Rezeption von Kunst. Adam Soboczynskis Sorge um den Intellektuellen gebührt möglicherweise auch dem Kunstkönner und -kenner.


9 Kommentare

Eike · 27. August 2009 um 16:45

Wo siehst du in diesem Zusammenhang den Stellenwert von Malerei oder Bildhauerei? Als Kunst der Ewiggestrigen?

Ich finde weiterhin, dass es eigentlich keine gute oder schlechte Kunst gibt, sondern nur Kunst oder Nicht-Kunst. Als Künstler stelle ich doch immer etwas aus bereits vorhandenen Ideen bzw. schon mal in anderer Form dagewesenen „Material“ zusammen, um auf diese Art und Weise etwas neues, in dieser Form noch nicht dagewesenes zu schaffen.

Wenn ich mich im Musikbereich als Mashup-Künstler dazu entscheide, verblüffende Remixe anzufertigen, kann ich das Netz sicher nutzen, um Hörer zu finden. Möchte ich damit Geld verdienen, müsste ich dazu in der Lage sein, meine Kunst live vor Publikum zu einem einzigartigem Event zu machen.

Einzigartig heisst, man kann hinter der Kunst das Individuum (naja oder ein einzigartiges Künstlerkollektiv, siehe Bands wie Broken Social Scene oder The Dead Weather, deren Mitglieder auch in anderen Bands sind, die sich aber deutlich erkennbar von einander unterscheiden lassen, aber dennoch Verbindungen zu den anderen Bands zulassen)erkennen und nicht etwa ein Kollektiv, welches bestimmte Leistungen lediglich noch einmal neu aufwärmt und zwar lauwarm.

So, ich hoffe das war einigermaßen verständlich. Sicherlich kratze ich damit nur an der Oberfläche, denn das Thema ist einfach unglaublich komplex, möglicherweise habe ich mich auch übernommen 😉

Insgesamt stimme ich mit deinem letzten Absatz voll und ganz überein und teile deine Sorgen.

Christian Holst · 28. August 2009 um 19:56

Ich glaube eher, am schwersten haben es die Künste, die in sehr festen, alten Strukturen arbeiten: Theater, Orchester, Museen. Malerei und Bildhauerei sind davon, denke ich, noch am wenigsten betroffen. Ansonsten könntest du recht haben, dass es darauf ankommen wird, unkopierbare Erlebnisse anzubieten. Das ist aber im Netz nicht möglich und würde streng betrachtet heißen, dass man im social Web gar kein Geld verdienen kann. Die Frage ist: kann Kunst per se immer nur die Einzelleistung sein? Wir kennen das so, möglicherweise können wir uns das deswegen nicht anders vorstellen?!

Dorothea Martin · 31. August 2009 um 11:49

Der Prototyp des Künstlers als genialer Einzelgänger – das ist aber doch ein sehr romantisch bzw. sturm- und dränglerisches Motiv. In der letzten FAS gab es eine sehr interessante Buchbesprechung zum neuen Rüdiger Safranski über die Freundschaft von Goethe und Schiller. Sehr interessant, um auch mal mit diesem Stereotyp zu brechen… http://www.faz.net/s/RubC17179D529AB4E2BBEDB095D7C41F468/Doc~E8EF241E86C794096907947B10F33E54E~ATpl~Ecommon~Scontent.html

Eike · 31. August 2009 um 12:56

Auf die Frage, ob Kunst per se nur die Einzelleistung sein kann, möchte ich ganz entschieden antworten, dass Kunst natürlich auch als Leistung von einer kleineren oder größeren Gruppe funktionieren kann. Kunst ist in der Hinsicht ja frei und nicht an starre Vorgaben gebunden, zumindest nach meiner persönlichen Kunstphilosophie. Die Kunst der „Mitmach-Avantgarde“ kann also relevant sein, wobei das, meiner Meinung nach, sehr stark von den Inhalten abgehängt.

Daraus ergeben sich viele Fragen. Was sind deiner Meinung nach die aktuellen Zentren der „Mitmach-Avantgarde“? Kann ich im social web tatsächlich kein Geld verdienen? Wie sieht das in Hinblick auf das sogenannte Fundraising aus?

Fehlen bei Theatern, Orchestern und Museen vielleicht die entscheidenen kreativen Ideen und der Mut, diese einfach mal durchzuziehen. Wollen die Leute, die dort was zu entscheiden haben, das überhaupt?
Wo ist die Grenze zur Unterhaltungsindustrie?

Ja, Kunst sollte (auch) sich selbst hinterfragen.

VioWorld · 31. August 2009 um 16:16

Danke für den interessanten Beitrag zur Blogparade!
Ich sehe ebenfalls die Gefahr einer Verwässerung des Kunstbegriffs, allerdings hat diese schon vor dem Aufkommen des Internet eingesetzt. Michelangelo oder Wagner konnten nur aufgrund bestimmter historischer Umstände so arbeiten wie sie es getan haben. Die Werke bleiben ja gottseidank, von da her finde ich es nicht schlimm, dass wir heute ganz neue (und spannende) Kunstformen erleben. Der Künstler wird sich mit den neuen Gegebenheiten wandeln aber er wird nicht verschwinden.

Hagen Kohn

Christian Holst · 31. August 2009 um 17:27

@Dorothea Wo gibt es denn große Kunstwerke, die eine Kollektivleistung sind, wenn wir mal Bauwerke außen vorlassen? Das Goethe-Schiller-Beispiel scheint mir eher von gegenseitiger Inspiration zu handeln. Gibt es Gedichte, die beide wirklich zusammen verfasst haben? Und welche Rolle spielen solche Arbeiten dann im Gesamtschaffen?

@Eike Die „Mitmach-Avantgarde“, von der Leadbeater spricht, ist momentan eher noch als Vision zu verstehen. Aber so etwas wie die Twitter-Oper am Royal Opera House ist sicher ein gutes Beispiel dafür, wie traditionelle Kulturinstitutionen hier ansetzen können. Welchen künstlerischen Wert das ganze haben wird, wird sich zeigen. Fundraising funktioniert m.E. eben nicht nach dem klassischen Kaufprinzip. Man erwirbt hier etwas, was sich nicht kopieren lässt, nämlich so etwas wie anteilige Patronage.

Christian Holst · 2. September 2009 um 7:35

@Vioworld: Neue Kunstformen sind sicher nichts Schlimmes, im Gegenteil, Kunst lebt davon, sich immer wieder neu zu erfinden. Ich denke, im sozialen Web muss sich einfach noch zeigen, ob es einfach ein Marketing-Tool ist, oder ob sich auch die Kunst mit Hilfe der neuen Technologien wieder einmal neu erfinden kann. Nicht selten haben neue Techniken auch neue Impulse und neue künstlerische Möglichkeiten geschaffen.

Dorothea Martin · 2. September 2009 um 10:42

@Christian: was ist denn mit den Xenien? Die haben sie definitiv gemeinsam verfasst und herausgebracht.

Christian Holst · 2. September 2009 um 12:56

@Dorothea Das ist sicher ein interessantes Beispiel für Kunst, die keine Einzelleistung ist. Trotzdem ist es nicht prototypisch für die Arbeitsweise von Goethe und Schiller oder die Kunstwelt allgemein geworden. Aber gerade das macht solche Beispiele spannend, wenn man jetzt erwartet, dass es so etwas in Zukunft viel mehr geben wird. Aber ich glaube schon, dass das ein ganz neuer Gedanke ist und ob er in größerem Stile funktionieren wird, wird sich zeigen müssen.

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