Blogparade stARTconference: Allianzen für Kulturcommunities

Veröffentlicht von Christian Holst am

«Geschäftsmodelle im Web 2.0» und Kultureinrichtungen – dieser Zusammenhang mag zunächst etwas abwegig erscheinen – schließlich beschäftigen sich, zumindest die öffentlich finanzierten, Kultureinrichtungen auch im «echten Leben» nicht unbedingt mit Geschäftsmodellen für ihre Arbeit. (Simon Frank geht in seinem Beitrag zur startconference-Blogparade auf diesen Graben genauer ein.) Teilweise herrscht sogar die Haltung vor, dass Kultur ein Anrecht auf Alimentierung hat, schließlich sei sie «kein Luxus, sondern Notwendigkeit» (ehem. EU-Kulturkommissar Ján Figel’). Dennoch: in Zeiten knapper werdender öffentlicher Kassen ist es für Kultureinrichtungen strategisch angebracht, auch über alternative Finanzierungsformen (wie eben tragfähige Geschäftsmodelle) zumindest einmal nachzudenken. Weil das Web 2.0 hier interessante, neue Möglichkeiten bietet, ist es sinnvoll, diese einmal in Bezug auf ihre Anwendbarkeit im Kulturbereich abzuklopfen.

Zu den neuen Geschäftssystemen, die das Internet und insbesondere das Web 2.0 hervorgebracht haben, gehören z.B.:

  • Crowdsourcing, d.h. die Auslagerung von Tätigkeiten an Amateure oder Fans. Beispiel aus dem Kulturbereich ist die Verfilmung von Paolo Coelhos «Hexe von Portobello» durch seine Fans. (Genaue Projektbeschreibung im Blog «socialnetworkstrategien».)
  • Crowdfunding, eine Unterform des Crowdsourcing, bei der es um das Sammeln kleiner Geldbeträge in sozialen Netzwerken im Internet geht. Ein Beispiel aus dem Kulturbereich ist sellaband.
  • «Long Tail» meint die Möglichkeit, auch kleine Absatzmengen und Nischenprodukte über einen durch das Internet geografisch skalierten Markt profitabel zu vertreiben. Ein Beispiel aus dem Kulturbereich ist die Band Element of Crime, die Konzertmitschnitte ihrer aktuellen Tournee über iTunes bzw. Tunecore verkauft, insbesondere an die, die live beim Konzert dabei waren und eine akustische Erinnerung haben möchten.
  • Finanzierung durch individualisierte, kontextabhängige Werbung à la Google. Wirklich ausgefeilte Modelle sind mir im Kulturbereich nicht bekannt. Am nächsten an dieses Modell heran kommt der Musikerstellenmarkt vioworld.de, wenngleich die Werbung hier nicht automatisiert geschaltet wird.
  • Freemium-Modelle, bei denen Basisdienste zum Zwecke der Marktdurchdringung kostenlos, weitere Dienste zu Profitzwecken jedoch kostenpflichtig angeboten werden. Nach diesem Prinzip funktioniert das Kulturmanagement Network mit einem kostenlosen redaktionellen Angebot und einem kostenpflichtigen Stellenmarkt.

Typischerweise leben diese Geschäftsmodelle von geografisch groß abgesteckten Märkten. Der einzelne Zahlungs- oder Rechnungsbetrag ist meist klein, dem entsprechend hoch müssen die Absatzzahlen sein, bevor nennenswerte Umsätze zustande kommen. Viele Kultureinrichtungen sind jedoch lokal oder regional verankert und haben für diese geografisch begrenzte Öffentlichkeit eine wichtige Bedeutung, aber kaum darüber hinaus. Diese Öffentlichkeit bzw. den Markt geografisch zu erweitern ist zwar dank des Internets theoretisch kein Problem mehr, aber dennoch muss man davon ausgehen, dass es trotzdem bestenfalls eine Option für kulturelle «Big Player» wie die Berliner Philharmoniker ist. Deren Konzertmitschnitte lassen sich über die Digital Concert Hall nicht nur regional, sondern weltweit vermarkten. Aber selbst dieses Vertriebsmodell ist bislang auf die großzügige Unterstützung der Deutschen Bank angewiesen und trägt sich noch nicht von allein. Umso weniger kommt – zumindest derzeit – ein solches Modell für andere deutsche Kulturorchester in Frage.

Eine einfache Anwendung der klassischen Web 2.0-Geschäftsmodelle scheint also für traditionelle Kultureinrichtungen zumindest momentan nicht sehr aussichtsreich. Eine Chance könnte aber in Allianzen mit anderen Kultureinrichtungen aus der Region liegen. Solche Ansätze sind schon verschiedentlich vorhanden. Zum Beispiel pflegen die Berliner Bühnen eben so wie die nordrheinwestfälischen je einen gemeinsamen Terminkalender. Das bietet Mehrwert für den Theaterbesucher, der auf einen Blick das aktuelle, gesamte Angebot findet, ebenso wie für die Einrichtung, die ihre Termine nur noch über eine Datenbank verwalten muss. Dieses Modell ist ausbaufähig. Die partizipativen Medien bieten Möglichkeiten, auch inhaltlich solche gemeinsamen Auftritte und eine regionale Kultur-Community über die Grenzen einzelner Einrichtungen und Sparten hinweg aufzubauen. Die Kultureinrichtungen schöpfen aus einem großen Fundus an interessanten Menschen und Geschichten, die redaktionell attraktiv sind. Weiterhin können Ticketservices und Tourismusanbieter von so einem Portal profitieren und es ihrerseits mit eigenen Angeboten weiter aufwerten. Das klassische Marketing- und Markendenken wird durch ein solches Portal herausgefordert, denn hier steht nicht die Einrichtung im Vordergrund, sondern die künstlerischen Inhalte. Aber gerade um die geht es ja. So gesehen, bietet das Web 2.0 die Möglichkeit, den kulturellen Auftrag durch Vernetzung mit Besuchern und Partnern breit und umfassend abzustützen. Und zwar in einer Weise, die auch ökonomisch in absehbarer Zeit interessant werden dürfte.

Dies ist ein Beitrag zur Blogparade der startconference. Auf der verlinkten Seite finden sich weitere Informationen dazu, wie so eine Blogparade funktioniert.


6 Kommentare

Christian Henner-Fehr · 10. Mai 2010 um 17:14

So etwas gibt es in Österreich mit http://www.theaterspielplan.at schon seit einiger Zeit. Das Problem: er wird kaum gefunden und damit auch entsprechend wenig genutzt. Ich denke, in Verbindung mit Social Media ist das eine der sinnvollsten Formen der Kooperation.

    Christian Holst · 10. Mai 2010 um 19:26

    Ja, auch hier wird Social Media offenbar gar nicht genutzt. Es scheint mir vom Prinzip sehr ähnlich wie Berlin-Bühnen oder NRW-Bühnen zu sein. Aber der Fundus an Menschen und Geschichten, wird nicht als Aufhänger zur weiteren Kommunikation genutzt. Ich stelle mir vor, das man solche Ansätze wunderbar zu einer Metacommunity ausbauen könnte, die einen Knotenpunkt für Kommunikation über Kultur in Österreich, in Berlin oder NRW darstellt.

Simon A. Frank · 15. Mai 2010 um 10:49

Der Beitrag bringt es auf den Punkt! Viel zu selten wird zwischen den „Big Players“ (im Kulturbetrieb) und den „lokalen“ Einrichtungen unterschieden, für die die webzweinulligen Geschäftsmodelle aus den genannten Gründen nicht in Frage kommen.

Vielleicht wird zukünftig eine weitere Entwicklung ein wichtige Rolle spielen: local based services wäre auch oder gerade für die regionalen Einrichtungen spannend? Wobei sich dafür noch kein einheitliches Geschäftsmodell abzeichnet.

Christian Holst · 16. Mai 2010 um 19:47

@Simon Das stimmt und das macht es wiederum riskant, sich heute schon auf bestimmte Geschäftsmechanismen festzulegen. Aber ich denke auch, dass es sinnvoll ist, sich auf die Stärke, die man lokal besitzt, zu besinnen und diese im Zusammenspiel mit Partnern aus Freizeit und Tourismus zu vermarkten.

Hagen Kohn · 28. Mai 2010 um 9:00

Danke für die Erwähnung von http://www.VioWorld.de! Meintest du unsere Bannerwerbung? Auf dem Gebiet sind wir in der Tat recht erfolgreich – ganz entgegen dem Trend. Das ist eben der Vorteil eines Nischen-Portals mit klar definierter Zielgruppe.

Blogparade + Sonderheft Kulturmanagement Network + stARTconference: Geschäftsmodelle im Web 2.0 | stART Conference 2010 | · 10. Mai 2010 um 17:01

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