Zur Spielplanwahl am Thalia

Vor kurzem wurde in verschiedenen Blogs und Kulturteilen die Aktion des Thalia-Theaters diskutiert, den Spielplan demokratisch wählen zu lassen. Kurz rekapituliert: das Thalia wollte vier der acht Premieren im Großen Haus für die Saison 2012/13 von der Öffentlichkeit bestimmen lassen und bat zur Abstimmung. Detaillierte Abstimmungsregeln gab es keine, so dass sich die Aktion verselbständigte und »skurrile Werke« bzw. »Amateurdramen« auf die vorderen Plätze gevoted wurden. Das Thalia selbst resümiert knapp und desillusioniert: Kunst und Demokratie passen einfach nicht zusammen.

In den Printmedien wurde dieses Experiment einstimmig abgeurteilt. In den Blogs fiel die Diskussion etwas differenzierter aus. Insbesondere Postdramatiker berichtete sehr fundiert und wiederholt über die Aktion. Axel Kopp und Christian Henner-Fehr begrüssten das Experiment und kritisierten die Durchführung. Ich habe meine spontane Meinung mit Kommentaren bei Christian und Axel bereits kundgetan, möchte aber im Nachklang noch einen Gedanken zu dem Thema ergänzen.

Höchst interessant fand ich den Vorschlag von Postdramatiker, die Aktion Spielplanwahl zur Auszeichnung beim Mühlheimer Dramatikerpreis vorzuschlagen. Begründung:

Wer sich mit dieser Produktion (Anm. CH: gemeint ist die Spielplanwahl) beschäftigt, lernt so viel über Demokratie, Macht, Einfluss wie seit der Orestie darüber nicht mehr in Theatern zu lernen war.

Auch wenn es erstmal nicht so klingt, ist das eigentlich ein verheerendes Zeugnis für die Theater, die stets bemüht sind, mit immer neuen Lesarten bewährter Klassiker ästhetisch, philosophisch, politisch relevant und wegweisend und unverzichtbar für die gesellschaftliche Selbstreflexion zu sein. Nicht zuletzt mit diesen Argumenten wird auch die öffentliche Finanzierung gerechtfertigt, die eine Freiheit zum künstlerischen Risiko erlauben soll. Genau das geht man aber dort ein, wo man sich auf dünnes Eis begibt und auch mal die Trampelpfade der Programmierung verlässt. Das hat das Thalia lobenswerterweise gewagt, bei allen berechtigten Einwänden gegen das Verfahren. Umso ernüchternder finde ich es daher, wie schnell die alten dünkelhaften, kulturelitären Reflexe wieder greifen, die zum Ausdruck kommen, indem das Thalia in das Verfahren eingegriffen hat (Postdramatiker zeigt hier Bezüge zu Berlusconi und Putin auf) und bilanziert: »Kunst und Demokratie passen einfach nicht zusammen«. (Richtiger wäre es wohl, zu sagen: »Klassisches Theater und Demokratie passen einfach nicht zusammen.«) So diskreditiert das Thalia seine mutige Aktion selbst und das Publikum wird hier um die Aufklärung, Selbstreflexion und all das, was Hochkultur leisten soll, genauso betrogen wie das Publikum der Kulturindustrie gemäss guter alter adornitischer Argumentation. Wieviel Glaubwürdigkeit hat das Theater damit noch?

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