Berge haben es leicht

Veröffentlicht von Christian Holst am

Je länger ich in der Fremde bin, umso mehr entdecke ich meine heimatliche Verwurzelung, die ich bis vor nicht allzu langer Zeit wahrscheinlich konsequent bestritten hätte. Als ich neulich in Bremen auf dem Weserdeich spazieren ging und mir der Wind ins Gesicht pfiff, da fühlte ich mich zu Hause und dachte: So muss es sein! Mich können der hohe Schweizer Lebensstandard und die Schweizer Märklin-Modelleisenbahn-Landschaft wenig beeindrucken und als ich neulich in einer Theaterfassung von »Buddenbrooks« war und Tony Buddenbrooks sagte: »Es ist merkwürdig, dass man sich an der See nicht langweilen kann. Liegen Sie einmal an einem anderen Orte drei oder vier Stunden lang auf dem Rücken!«, da habe ich wahrscheinlich zustimmend geseufzt. Das ist ein sehr schöner, zutreffender Satz. Eiger, Mönch und Jungfrau, die ich bei gutem Wetter von meinem Berner Zimmer aus sehen kann (s. Foto: Sonnenaufgang), sind zweifellos beeindruckend. Aber Berge haben es auch leicht. Um einer norddeutschen Marschlandschaft oder gar der noch eintönigeren See etwas abgewinnen zu können, braucht es sehr viel schärfere Sinne. Man muss genauer hinsehen, um etwas zum Staunen zu finden und ist zu einer feinen, differenzierten Wahrnehmung gezwungen. Aber wenn einem das gelingt, erschließt sich ein Reichtum, den Berge kaum zu bieten haben. In einem Eimer Watt befinden sich mehr Lebewesen als in den gesamten Alpen.

Wenn man sich etwas verallgemeinernde Typologie gestattet, kann man daher zu dem Eindruck kommen, dass Unaufdringlichkeit und Bescheidenheit norddeutsche Tugenden sind, die die Einwohner von der sie umgebenden Landschaft gelernt haben. Allerdings behaupten die Schweizer von sich, in den Bergen zu leben mache ebenfalls bescheiden und demütig, weil einem die eigene Kleinheit immer vor Augen geführt wird.

Eiger, Mönch, Jungfrau

Kategorien: BremenSchweiz

1 Kommentar

beisasse · 2. Dezember 2006 um 9:52

angenehm, so eine gute dosis von norddeutscher identität …

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