Das Rauschen wird lauter

Veröffentlicht von Christian Holst am

In letzter Zeit hat das Internet ordentlich auf die Mütze bekommen. Zuletzt warnte Der Spiegel mit großem Aufmacher (zu großen Teilen »inspiriert« von The Atlantic) vor drohender Massenverdummung und löste heiße Debatten damit aus, natürlich auch und gerade in der sog. Blogosphäre (siehe u.a. hier, hier, hier, hier und hier).

Ein Punkt, der m.E. in dieser Diskussion zu kurz kam, ist die Tatsache, dass all der Schwachsinn, der ja unbestritten auch im Internet kursiert, durch dieses nicht erzeugt, sondern nur sichtbar gemacht wird. Der Preis der Vergesellschaftung der Medien und das damit einhergehende Anwachsen der kursierenden Datenmengen und -ströme ist, dass man vermehrt mit Inhalten konfrontiert wird, die für einen wertlos sind. Das Rauschen wird lauter und es wird schwieriger den Unterschied herauszuhören, der einen Unterschied macht.

Die Internetschelte macht zudem deutlich, wie viele Leute in ihren Kommunikationsvorstellungen von einem linear gedachten Sender-Empfänger-Modell geprägt sind: Einer sendet eine Information (aktiv), der andere empfängt sie (passiv). Das Kommunikationsmodell von Friedemann Schulz von Thun zeigt auf anschauliche Arte und Weise, dass dieses Modell schon in der Offline-Welt nicht taugt, weil der Empfänger (sofern er keine triviale Maschine ist) nicht passiv, sondern selbst aktiv, nämlich interpretierend, an der Kommunikation beteiligt ist. Er muss die empfangenen Daten »in Formation« bringen, wie Klaus Jarchow schreibt, damit sie auch eine Information darstellen.

Im Netz ist dieser systemische Aspekt von Kommunikation besonders sinnfällig. Hier gibt es ganz offenkundig nur noch vernetzte, informationsverarbeitende Schaltstellen. Informationen werden aufgenommen, verarbeitet und an andere Schaltstellen weitergeleitet, die das Signal wieder aufnehmen, verarbeiten, weiterleiten usw. usf.


8 Kommentare

Christian Henner-Fehr · 28. August 2008 um 20:10

Verstehe ich das richtig, dass Du lediglich von der Wahrnehmungsebene sprichst?

CH · 28. August 2008 um 21:14

Was kannst du hier nicht in Formation bringen? 😉 Also, auf der Wahrnehmungsebene ist die Abweichung vom linearen Kommunikationsmodell bedeutsamer, denn der Sender weiß ja in aller Regel, was er mit dem Gesagten meint, d.h. der aktive Part des Senders wird in jedem Fall anerkannt. Für ihn gilt das Gesagte auch, aber es bringt hier keinen Erkenntnisgewinn (also keinen Unterschied, der einen Unterschied macht), sozusagen.

Christian Henner-Fehr · 30. August 2008 um 22:22

Ok, Du sprichst Schulz von Thun an und auch Watzlawick konstatiert, dass wir auf der Sach- und der Beziehungsebene kommunizieren. Das heißt, wir wissen nie wirklich, ob das, was wir kommunizieren, auch „richtig“ beim Empfänger ankommt.

Wenn das heißt, dass die Kommunikation nicht linear ist, dann ist der Begriff eigentlich wertlos, denn dann gibt es lineare Kommunikation nicht. Irgendwie macht das doch keinen Sinn, oder?

CH · 31. August 2008 um 22:50

Ja, wahrscheinlich ist dieses Modell letzten Endes zu einfach, um Kommunikationsvorgänge zu beschreiben. Trotzdem setzt man bei seinem Kommunikationsverhalten diese Vorstellung häufig voraus, z.B., wenn man einfach eine Pressemeldung verschickt oder Plakate klebt. Auch wird man die Kommunikationsvorgänge in hierarchischen, klar geordneten Strukturen mit diesem Modell weitaus besser erklären können, als in sich schnell wandelnden und unhierarchischen wie dem Worldwide Web. Man kann hier vergleichsweise leicht nachvollziehen, wer wessen Gedanken in welcher Weise aufgegriffen, weiterentwickelt, kommentiert, verworfen hat usw., gleichzeitig wird die qualitative Beurteilung von Nachrichten schwieriger. Mit der Sender-Empfänger-Theorie stößt man da sehr schnell an Grenzen.

Mir ging es hier deswegen vor allem darum, zu sagen, dass die Mechanismen der (neuen) Internetkommunikation die Schwächen des Sender-Empfänger-Modells verdeutlichen, weil sie das dynamische und das chaotische Moment von Kommunikation so sinnfällig machen, die dort keinen Platz haben. Für denjenigen, der in seinem Kommunikationsverständnis von dem alten Modell ausgeht, handelt es sich deswegen bei der neuen Kommunikationsform einfach um unstrukturierte Kakophonie.

Kulturmarketing · 1. September 2008 um 12:10

Problematisch ist das Ganze aber doch:
Während man vor einigen Jahren noch davon ausging, daß das Internet beispielsweise in den Vertriebswegen eine Dezantralisierung erreichenwürde, so ist dies bei vielen Kulturprodukten, wie Musik und Eintrittskarten, nicht geschehen.
Statt dessen, haben wir eine rasante Kommerzialisierung des Internets erlebt, die es für den Nutzer immer schwieriger macht, die Inhalte zu bewerten.

Christian Henner-Fehr · 1. September 2008 um 22:05

@ Christian: ok, damit kann ich dann leben. Im Endeffekt ist das eine Veränderung, wie wir sie auch in der Literatur finden. Alfred Döblin hat mit Berlin Alexanderplatz das Element der Montage eingeführt und damit die Linearität, die wir bis zu diesem Zeitpunkt im Roman angetroffen haben, aufgebrochen oder aufgehoben.

@ Kulturmarketing: Aber der Musikbereich ist doch ein Beispiel für die Dezentralisierung. Ich kann mir heute ein x-beliebiges Musikstück auf unzähligen Seiten anhören bzw. kaufen.

Bei den Eintrittskarten ist das etwas anderes, aber liegt das nicht daran, dass wir in diesem Fall Kontrollinstanzen brauchen, die dafür sorgen, dass jedes Ticket nur einmal verkauft wird?

Die Kommerzialisierung des Internets ist auch nicht weiter fortgeschritten als im RL, ganz im Gegenteil: es ist viel schwieriger, dort Geld für eine Leistung (=Content) zu erhalten. Umso wichtiger sind Empfehlungen. Wer bucht denn heute noch ein Hotel, ohne sich nicht die Bewertungen auf den diversen Plattformen angeschaut zu haben?

CH · 2. September 2008 um 10:41

@Christian Ja, es ist sicher eine Veränderung, die viele Bereiche der Gesellschaft umfasst, im sog. Web 2.0 einfach besonders sinnfällig wird.

@Kulturmarketing Was die Dezentralisierung von Kulturprodukten wie Musik angeht, würde ich auch sagen, dass das Internet dort wirklich etwas verändert hat, Stichwort „Long Tail“. Bei Eintrittskarten ist die Sachlage vielleicht anders, Christians Begründung finde ich da sehr einleuchtend.

Information und “Doofheit” « Der neue Heckerzug · 6. September 2008 um 10:41

[…] weist er in seinem Artikel auf folgendes hin: Ein Punkt, der m.E. in dieser Diskussion zu kurz kam, ist die Tatsache, dass all […]

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