Reihe Best Practice I: Kleinstkindertheater

Veröffentlicht von Christian Holst am

Ausgehend von meinen Anmerkungen zu Armin Kleins Buch »Der exzellente Kulturbetrieb«, hat sich im Kulturmanagment-Blog eine kontroverse Diskussion entwickelt, ob Klein mit seiner Einschätzung denn nun richtig liegt oder eher nicht. Dabei ist vielleicht noch einmal wichtig, klar zu stellen, dass ich nicht alles falsch finde, was Klein schreibt. Zu vieles finde ich aber entweder einseitig oder zu oberflächlich, zum Beispiel wenn Klein einfordert, dass Kulturbetriebe nach ihrer eigenen, nicht nach behördlicher, Logik arbeiten sollen, sie aber seinerseits nicht anhand ihrer eigenen betrieblichen Logik berät, sondern die (nicht nur für den Kulturbetrieb) fragwürdige der allgemeinen BWL anlegt.

Da ich mit meiner Meinung doch relativ allein dastehe und Kleins pessimistische Einschätzung tendenziell eher geteilt wird, habe ich mir gedacht, eine kleine Reihe über innovative Konzepte in deutschen Kultureinrichtungen (es werden wohl in erster Linie Theater und Orchester werden) zu machen. Sachdienliche Hinweise sind natürlich herzlich willkommen.

In einem Kommentar fragt Christian Henner-Fehr, wer denn in Deutschland etwas zum Thema Audience Development mache. Wie der Zufall es wollte, bin ich heute über ein passendes Beispiel aus Dresden gestolpert: ein Kleinstkindertheaterfestival für Unter-Drei-Jährige. Das ist strategisch natürlich äußerst gewieft, weil man die Kinder so mit Theater anfixen möchte, noch bevor sie in die Fänge von Handys, Computern oder Fernsehern geraten. Aber mal ehrlich: Ist das jetzt exzellent oder einfach gaga? Ist das innovativ gedacht oder die Bankrotterklärung des Theaters? Mir scheint die Grenze nicht ganz scharf gezogen zu sein. Trotzdem sei dieses Beispiel mit durchaus ernstem Hintergrund zur Diskussion gestellt, denn Klein fordert vom exzellenten Kulturbetrieb:

Die Aufmerksamkeit sollte in Zukunft also sehr viel verstärkter dem Publikum von morgen und seiner zielgerichteten Entwicklung (»Audience Development«, wie es im Amerikanischen heißt) gelten.


9 Kommentare

Christian Henner-Fehr · 6. November 2008 um 22:29

Die Idee mit der Serie finde ich super und bin gespannt, was für Projekte und Konzepte Du finden wirst.

Bei Kleinstkindertheaterfestival ist eine Beurteilung schwierig, denn leider sind die Informationen auf der Website nicht ausreichend. Vor allem was das Festival angeht. In der ZDF-Theaterkanal-Aussendung ist von einer Studie die Rede. In den USA wäre die selbstverständlich als PDF online abrufbar. Das sind so Dinge, die meiner Meinung nach nicht sein müssen.

CH · 7. November 2008 um 7:23

Da hast du Recht. Vielleicht hat die Studie nicht die erwünschten Ergebnisse gebracht und man hält sie lieber unter Verschluss? Ansonsten ist es wirklich nicht einzusehen, warum man die Ergebnisse nicht nutzt.
Es stimmt auch, dass man eigentlich erstmal mehr wissen möchte. Von dem, was dort steht habe ich ehrlich Zweifel, ob man dem Spielen bei so kleinen Kindern schon bestimmte Formen aufdrücken muss.

Christian Henner-Fehr · 7. November 2008 um 22:33

Ich glaube gar nicht, dass die Studie unerwünschte Ergebnisse erbracht hat. Es ist bei uns einfach nicht üblich, solche Studien zu veröffentlichen. Die Studie wird in Auftrag gegeben, erstellt und dann vom Auftraggeber gelesen, ausgewertet, ewas auch immer und fertig. Ab in die Schublade.

Interessieren würden mich die Ergebnisse schon. Ich muss gestehen, mein Vorstellungsvermögen stößt da an Grenzen und daher hätte ich gerne gewusst, was ich mir unter einem Theater für Kleinstkinder vorzustellen habe?

Magst Du nicht mal nachfragen? 🙂

modbo · 9. November 2008 um 23:11

Ich glaube nicht das Kinder unter 3 das nötige Verständniss bzw. Konzentration vorhanden ist um ein Theaterstück geniessen zu können. Die haben nur eine ganz kurze Aufmerksamkeitsspanne.

Christian Henner-Fehr · 10. November 2008 um 8:44

@modbo: deshalb macht mich die Sache so neugierig, denn ich kann mir das auch nicht wirklich vorstellen.

CH · 10. November 2008 um 10:11

@modbo und CHF: Geht mir ganz genauso. Vor allem können Kinder in dem Alter ja noch gar nicht unterscheiden zwischen Fiktion und Realität. Theaterspielen mit kleinen Kindern stelle ich mir daher vor wie Spielen mit kleinen Kindern. Das geht aber genauso in der Krabbelgruppe.

Christian Henner-Fehr · 10. November 2008 um 10:34

Ich würde das jetzt gar nicht so abtun. Ich muss gestehen, ich kenne mich nicht aus, was da möglich ist bzw. was man mit Kindern in diesem Alter machen kann. Klar, eine 4-stündige Faust-Inszenierung werden sie sich nicht anschauen, aber vielleicht gibt es da mehr Möglichkeiten als wir glauben?

CH · 10. November 2008 um 16:59

Ich meine das gar nicht abwertend mit der Krabbelgruppe, denn das ist sicher eine altersadäquate Form der Auseinandersetzung mit der Welt, so wie es die Faust-Inszenierung für Erwachsene mit höherer Bildung ist. Und in der Meldung klingt es einfach nach Spielen: »Die Stücke seien meist nicht länger als 30 Minuten und setzten auf Klang, Rhythmus und Bilder anstatt eine längere, zusammenhängende Geschichte zu erzählen.« Das Problem mit der kürzeren Konzentration hat man also wohl schon erkannt. Die erwähnte Studie ist zwar noch nicht online, wohl aber ein Zwischenbericht über den Stand des Projekts.

Christian Henner-Fehr · 10. November 2008 um 17:18

Super, danke! Ich bin gespannt…

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