Wirtschaftsästhetik

Veröffentlicht von Christian Holst am

Vor ein paar Tagen bin ich auf eine Seite zum Thema Wirtschaftsästhetik gestoßen. Das soll eine Forschungsrichtung der Managementlehre sein oder werden, bei der »das Feld der Kunst der Managementtheorie zugänglich« gemacht werden soll. Forschungsfragen können zum Beispiel sein:

Was kann von »Hochleistungsorganisationen« wie Orchestern, die ein Höchstmass an Koordination und Perfektion bei der Produkterstellung erbringen, zur Organisationsgestaltung gelernt werden?

Wie schafft es das Kunstsystem ständig ein so großes Innovationspotential zu entwickeln? Kann die Organisation des Kunstsystems Vorbild sein für Unternehmungen, die auf hoch innovativen Märkten agieren?

Das klingt ja zunächst recht spannend. Dass man aber damit zu sinnvollen Ergebnissen kommt, wage ich ehrlich gesagt zu bezweifeln. Orchester funktionieren deswegen gut, weil sie streng hierarchisch und im Kern antidemokratisch organisiert sind. Soll das Vorbildcharakter für innovative, moderne Unternehmen haben? Wohl kaum. Und ist es nicht vielmehr so, dass die Wirtschaft, auch die bei Adorno-belesenen Kulturschaffenden so verachtete Kulturindustrie, in punkto Innovation und Fortschrittlichkeit die (ästhetischen) Standards setzt, während die etablierte Kulturszene dagegen den relevanten Themen um Jahre hinterher hechelt? »Café Umberto« beispielsweise, Moritz Rinkes Stück über Arbeitslosigkeit, wurde 2005 uraufgeführt, zwei ganze Jahre nachdem die Agenda 2010 (nach herrschender Meinung ja auch schon viel zu spät) ausgerufen wurde. Ästhetische Trends und Ausrufezeichen dagegen werden von Unternehmen wie Apple, Nike, Madonna oder Herzog & de Meuron gesetzt.


7 Kommentare

Christian · 19. Mai 2008 um 21:37

Die beiden Zitate, die Du anführst, gehen für mich in zwei Richtungen: Das Orchester als Hochleistungsorganisation funktioniert aus den von Dir genannten Gründen. Ein Orchester ist aber nicht unbedingt innovativ; Innovation findet woanders statt und zwar da, wo sich Kunst an anderen Feldern reibt.

Im ersten Fall kann man von der Kunst, wie Du auch schreibst, eher weniger lernen, in Bezug auf das zweite Beispiel aber schon.

Aber auch meine Behauptungen sind nur zu vertreten, wenn ich mit Verallgemeinerungen arbeite, denn ich will nicht ausschließen, dass es auch innovative Orchester geben kann.

CH · 20. Mai 2008 um 7:51

Ich bezweifele das eben, dass man von der traditionellen Kultur heute noch viel lernen kann und glaube, dass fortschrittliche Wirtschaftsunternehmen in punkto Ideengenerierung und Innovationskultur sehr viel freier und weiter sind als irgendeine traditionelle Kultureinrichtung. Etwas anderes ist es in Bezug auf zeitgenössische Kultur, die aber eben zu einem großen Teil auch von Wirtschaftsunternehmen generiert (Beispiel: die HBO-TV-Serien) oder sehr schnell vereinnahmt wird, z.B. wenn es um bestimmte filmische Ästhetik in Werbeclips geht o.ä. Den Kultureinrichtungen bleibt da einfach eine museale Funktion, mit der sie sich abfinden und die sie sinnvoll ausfüllen sollten.

Christian · 20. Mai 2008 um 20:13

Mir fällt dazu Miha Pogacnik ein, über dessen Verbindung von Kunst (in dem Fall Musik) und Management ich mal einen Beitrag geschrieben habe.

In diesem Fall kann man ganz klar sagen, dass die Wirtschaft was von der Kunst lernen kann.

Aber er ist sicher eine Ausnahme, insofern hast Du schon Recht. Interessant wäre es aber, sich mal anzuschauen, wie etwas künstlerisch Innovatives entsteht und wie das im Wirtschaftsbereich aussieht. Sind die Muster grundverschieden oder doch ähnlich? Schwierig…

CH · 23. Mai 2008 um 14:44

Interessanter Typ. In Bezug auf die Frage nach den unterschiedlichen Herangehensweisen würde ich mal vermuten, dass man im Wirtschaftsbereich grundsätzlich systematischer und zielgerichteter vorgeht. Macht macht ja keine Innovationen, um sich selbst zu verwirklichen, sondern um zu unternehmerischen Erfolg zu kommen. Bei den Kreativitätstechniken selbst sind die Unterschiede nicht so groß, vermute ich.

Brigitte · 4. Mai 2011 um 12:54

Sie haben Recht, das Zusammenspiel von Kunst und Wirtschaft ist umstritten. Wird Kunst nur „instrumentalisiert“ zur Wertschöpfung (Theatertrainings für Angestellte etc.) oder kann Kunst neue Inspiration für Führung, Zusammenarbeit und Strukturen liefern? Auch hier hat die Forschung einige Hoffnung, denn in der global vernetzten Wirtschaft des 21. Jahrhunderts gelten veränderte Anforderungen an Arbeit und unternehmerische Verantwortung.
Auch die Orchestermetapher hat einige Kritik erfahren, und seit rund 10 Jahren wird viel zur Jazz-Metapher gearbeitet (Improvisation, Teamwork). Solche Übertragungen helfen auch, Zwänge im Unternehmensalltag anders zu beleuchten und zu kritisieren. So sind Metaphern seit rund 20 Jahren ein wichtiges heuristisches Werkzeug der intern. Management-Forschung. Das und das gesamte Spannungsfeld ist bspw. beschrieben in einem brandneuen Buch zum Thema: „Wirtschaftsästhetik. Wie Unternehmen Kunst als Werkzeug und Inspiration nutzen“ (B. Biehl-Missal) http://www.gabler.de/Buch/978-3-8349-2429-2/Wirtschaftsaesthetik.html

Martenstein hadert mit der Kunst � Kulturblogger · 20. Mai 2008 um 7:42

[…] 15.5.: Wirtschaftsästhetik […]

Kulturblogger › Rundkfunkchor Berlin sucht Manager für LeaderChor · 5. April 2009 um 16:26

[…] oftmals, hier etwas zu vermitteln zu haben. Vor längerer Zeit habe ich über die Disziplin der Wirtschaftsästhetik berichtet, einer Unterdisziplin des Kulturmanagements, in der es um ebendiese Fragen geht. Hierbei […]

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