Rückblick auf das stARTcamp Bern

Bild stART ContainerAm vergangenen Montag fand das zweite Schweizer stARTcamp statt, diesmal im Alpinen Museum in Bern. Auch an dieser Stelle noch einmal vielen Dank, dass wir die Räumlichkeiten nutzen durften. Wie im vergangenen Jahr waren um die 50 Personen da, in meinen Augen eine ideale stARTcamp-Größe. Relativ bescheiden war diesmal das Sessionangebot mit nur neun Angeboten. Das darf und solle sich bei zukünftigen stARTcamps noch ändern.

Bei der ersten Session, die ich besuchte, ging es um die Frage, wie Kultureinrichtungen mit Hilfe von Social Media systematisch und zielführend das Feedback ihrer Besucher aufgreifen und nutzen können. Karin Kob von Augusta Raurica berichtete, dass sie das Feedback auf den wichtigen Social Media-Plattformen (u.a. auch tripadvisor) systematisch erfasst und im Haus an die betreffenden Stellen weiterleitet. Wenn sich bestimmte Kritikpunkte häufen, dann sei das ein guter Anhaltspunkt, um Verbesserungen zu prüfen. Dass viele Kulturmanager noch einer angebotsorientierten Denke verhaftet sind, kam in der Frage zum Ausdruck, was das denn bringen solle. Schließlich würde Augusta Raurica eine Römerstätte bleiben, auch wenn das Publikum das langweilig finden sollte. Und überhaupt habe sich eine Motzkultur im Internet etabliert, die man vielleicht besser nicht so ernst nehmen sollte. Die Erfahrung von Karin Kob und anderen war aber, dass sich schnell erkennen lässt, ob Feedback eine angemessene Kritik oder nur Gestänker sei. Auch wenn man natürlich nicht den Unternehmenszweck zur Debatte stellt, dann kann sachliche Kritik einem doch sehr gut dabei weiterhelfen, Service und Vermittlung zu verbessern. Denn bei den Dingen, für die man gelobt wird, besteht ja eh kein Handlungsbedarf.

Vorstellungsrunde beim stARTcamp Bern 2016

In der zweiten Session, die Hannes Tronsberg von actori angeboten hatte, ging es um das sehr interessante Prinzip des «Pay what you want», das immer mehr Museen mit großem Erfolg anwenden. Zunächst einmal hat das Thema mit Digitalisierung nicht so viel zu tun. Dennoch: Gerade das Parkhaus-Modell, das sich auch mit «pay what you want» verknüpfen lässt, erlaubt es, via RFID-Chip im Ticket nachzuvollziehen, wie die Besucher durch die Ausstellung wandern, wo sie sich lange aufhalten, woran sie schnell vorbeigehen etc. Interessanterweise ist die Zahlungsbereitschaft höher, wenn der Bezahlvorgang wie im Parkhaus anonym an einem Automaten erfolgt und nicht unter der sozialen Kontrolle des Kassenpersonals. Das hätte ich nicht erwartet. Wer sich weiter über das Thema informieren möchte, dem sei findet ein Artikel von Hannes Tronsberg empfohlen.

Nach dem Mittag ging es weiter mit einer von Axel Vogelsang moderierten Diskussionsrunde zur Frage, wie die Nutzung von Social Media und digitalen Medien in der Unternehmenskultur implementiert werden könne. Schnell wurde deutlich, dass Social Media oftmals als Silo betrieben wird – meist im Marketing, manchmal in der Vermittlung –, d.h. ein Social-Media-Manager plant und veröffentlicht Inhalte, die er für wichtig und geeignet hält. Je größer die Einrichtung, um so unwahrscheinlicher ist es aber, dass ein Social-Media-Manager all die geeigneten Inhalte aufspüren und selbst erstellen kann, wodurch viel Potenzial verschenkt wird. Als eine Möglichkeit, dies zu verbessern, wurden Rubriken genannt, zu denen reihum unterschiedliche Abteilungen Inhalte liefern. Mit dem Nachteil, dass spontane, zufällige Inhalte nicht erfasst werden (Stichwort Serendipity). Das wiederum könnte mit einem «Scout-Modell» gelingen, bei dem eine Reihe von Mitarbeitern unterschiedlicher Abteilungen rekrutiert werden, um gezielt nach social-media-fähigen Ereignissen und Inhalten Ausschau zu halten und diese dem Social-Media-Manager weiterzugeben oder selbst zu posten. In dieser Diskussion wurde deutlich, dass klar definierte Zielsetzungen (klar definiert heißt: auch schriftlich fixiert) und Prozesse erforderlich sind, damit so etwas funktionieren kann. Ohne Konzept ist der Social-Media-Auftritt einfach das, was der Social-Media-Manager für gut und richtig hält, was nicht schlecht sein muss, aber vermutlich deutlich unter der erreichbaren Flughöhe bleibt.

Aufgrund einer kleinen Planungspanne wurde das Referat von Regula Wyss zu einer Art Keynote, da es kein Parallelprogramm gab. Regula Wyss zeigte anhand einer interaktiven historischen Ausstellung, dass digitale Vermittlung nicht immer teure und aufwändige Rocket Science sein muss. Auch mit einfachen digitalen Medien lassen sich umfangreiche, komplexe Themen auf interaktive Weise darstellen und vermitteln. Entscheidend sei es, die Inhalte mediengerecht aufzubereiten.

Schließlich konnte ich noch einen kleinen Werkstattbericht von dem Forschungsprojekt «Moving pictures moving audiences» geben, an dem ich gerade arbeite. Ziel des Projekts ist es herauszufinden, wie Kultureinrichtungen in Kanton und Stadt Zürich Bewegtbild einsetzen. Dazu wurde eine Kurzbefragung bei allen Einrichtungen durchgeführt, die vom Kanton oder Stadt Zürich Zuschüsse erhalten. Aus den Einrichtungen, die an der Befragung teilgenommen haben, habe ich wiederum vier für vertiefende Interviews ausgewählt. Erste Aussagen, die sich machen lassen: zwei Drittel der Einrichtungen nutzen Bewegtbild in ihrer Kommunikation, aber nur 8% haben ein explizites, d.h. schriftlich fixiertes Konzept dafür. Auch hier zeigt sich, dass die «just do it»-Haltung in Bezug auf Social-Media-Content immer noch weit verbreitet ist. Die Bandbreite der Nutzung reicht vom Service für Künstler, bei dem deren Videos einfach weiterverbreitet werden, über die Bewerbung der eigenen Veranstaltungen bis hin zum Aufbau neuer Geschäftsmodelle. Zu diesem Projekt wird es in den kommenden Wochen noch mehr zu lesen geben hier im Blog.

Nach Abschluss des Camps gab es noch eine Buch-Vernissage: Axel Vogelsang und Barbara Kummler präsentierten den Leitfaden «Der digital erweiterte Erzählraum». Das Buch ist in Kürze auf Amazon erhältlich. Es beginnt mit einer theoretischen Einführung in das Thema und zeigt auf der Basis von drei Praxisprojekten, wie digitale Strategien für Museen entwickelt werden können. Abgerundet wird es durch Interviews mit Experten, von denen die meisten in der stARTcommunity keine Unbekannten sind, etwa Christian Henner-Fehr, Frank Tentler, Jelena Löckner und Rebecca Hagelmoser.

Mein Fazit vom zweiten Schweizer stARTcamp ist wieder rundum positiv. Die Diskussionen und den Austausch fand ich sehr aufschlussreich und von hohem Niveau. Die Vorträge und Inputs haben spannende Einblicke in Schweizer Projekte geliefert. Im Vergleich zu anderen Camps waren die beiden Schweizer Camps etwas konferenzartiger, was zugleich ihre Stärke und Schwäche ist. Stärke, weil das inhaltliche Niveau durchwegs sehr hoch war, Schwäche, weil sie weniger verrückt und interaktiv als andere Camps sind. Aber auch das ist ein spezieller Reiz des stARTcamp-Formats, dass jedes Camp seinen eigenen Charakter hat. Nach dem inspirierenden Tag freue ich mich jetzt auf das Camp im nächsten Jahr. Wenn alles klappt, wie es soll, dann findet das in Sion in der französischsprachigen Schweiz statt. Dazu dann demnächst mehr.

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