Leadership im Kulturbetrieb – Wie es nicht geht

Während vergangene Woche in Hamburg bei der Jahrestagung des Fachverbands Kulturmanagement über Leadership und Innovation diskutiert wurde, eskalierte eine Auseinandersetzung, die als Paradebeispiel dienen kann, wie man es in Bezug auf beide Themen nicht machen sollte. Was war passiert? Der Komponist und Dramaturg Arno Lücker und die Komponistin Carlotta Joachim hatten einen sog. Shred über den Geiger Daniel Hope erstellt, was der offenbar gar nicht lustig fand. Das Konzerthaus Berlin, wo Hope viel spielt und Lücker eine Konzertreihe betreut, beendete daraufhin die Zusammenarbeit mit Lücker. Hopes Label Deutsche Grammophon versuchte offenbar, die Neue Musik Zeitung, für die Lücker schreibt, zur gleichen Maßnahme zu bewegen. Die vollständige Geschichte kann man u.a. im Bad Blog of Musick und auch im Blog hundert11 (in mehreren Artikeln und mit zahlreichen Links zu weiteren Quellen) nachlesen. Das Ganze eskalierte  schnell und gründlich, so dass irgendwann sogar die Times, die New York Times, Forbes und Alex Ross vom New Yorker darüber berichteten. Albrecht Selge (hunder11) bezeichnete den Fall und insbesondere den Rauswurf Lückers durch das Konzerthaus Berlin treffend als ein Paradebeispiel für Führungsversagen im Kultursektor.

Tatsächlich kann man an dem Fall exemplarisch sehen, woran es in der traditionellen Kulturszene in Bezug auf Innovation und Leadership oftmals hapert. Zugegeben, das Wort Innovation ist etwas hoch gegriffen, wenn es um Shreds geht. Es ist aber eine von vielen neuen Formen der Partizipation und Inhaltsgenerierung durch Fans und Nutzer, die kennzeichnend für die digitalen Netzwerkmedien sind. Mühe, mit solchen Inhalten souverän umzugehen, hatten bereits die Bayreuther Festspiele. Den Festspielsommer 2015 über betrieb Juana Zimmerman vom Blog Musik mit allem und viel scharf den gefakten Twitter-Account @BayreuthFest. Erst am Ende des Sommers kam heraus, dass es nicht um einen offiziellen Account, sondern einen studentischen Spaß handelte. Die Festspiele bewiesen auch nicht gerade viel Humor im Umgang mit der Angelegenheit, beließen es aber bei der bloßen Drohung, rechtliche Schritte einzuleiten. Hope und das Konzerthaus stiegen da gleich ein paar Eskalationsstufen höher ein. Aber natürlich: Wer nicht verstanden hat, dass ihm in den digitalen Netzwerkmedien die Kommunikationshoheit abhanden kommt, der muss so einen Shred als Unverschämtheit und übergriffige Anmaßung auffassen. Wer es dagegen verstanden hat, dem bleibt eigentlich gar nichts anderes übrig, als es als provokante Respektsbekundung zu verstehen. Schließlich macht man sich nicht für jeden Künstler solche Mühe. Und etwas dagegen tun, ohne dabei blöd dazustehen, kann man eh nicht, wie man spätestens jetzt weiß.

Das eine ist, dass man ein in den digitalen Netzwerkmedien gängiges Meme falsch einordnet. Kann passieren. Das andere ist, auf Basis solcher Fehleinschätzungen dann weitreichende Führungsentscheidungen zu treffen. Denn auch wenn man das Video als  geschmacksbefreite Unverschämtheit auffasst, war die Reaktion vom Konzerthaus und der Deutschen Grammophon nach allem was bekannt geworden ist unverhältnismäßig. Nicht nur, weil das Video sofort gelöscht wurde, als die Macher verstanden, dass Hope sich beleidigt fühlte, sondern vor allem, weil die Maßnahmen in Richtung beruflicher Vernichtung zielten, ohne zu versuchen, die Angelegenheit im persönlichen Gespräch aller Beteiligten zu klären. Ein solches Gespräch, das mit einem versöhnlichen Händeschütteln endete, kam schließlich zustande. Aber nicht auf Betreiben der Grammophon oder des Konzerthauses, sondern auf Initiative von Lücker und Joachim. Das Ganze ist umso unverständlicher, als zumindest das Konzerthaus in Sachen Leadership im Kultursektor durchaus Vorbildcharakter hat und als modernes, gut gemanagtes, anspruchsvoll programmierendes und deswegen erfolgreiches Vorzeige-Konzerthaus angesehen ist. (Ironischerweise trägt auch Lückers Konzertreihe 2 x hören zu dieser Wahrnehmung bei.)

Im VAN Magazin wurde der Vorschlag gemacht, Hope hätte das Video teilen sollen mit dem Kommentar: „Wow, das Konzert habe ich total vergeigt“. Das wäre tatsächlich eine lässige Reaktion gewesen. Während meiner Zeit am Opernhaus in Zürich gab es immer mal Kommentatoren, die sich in den Kommentarspalten auf die sog. „Regietheater-Regisseure“ eingeschossen hatten. Und was sie schrieben, war mitunter weder witzig noch satirisch, sondern schlicht und einfach bösartig. Trotzdem hätte ich dazu gerne eine – am besten mit anderen Opernhäusern konzertierte – Aktion Stage directors read mean Facebook comments gemacht, analog zu Celebrities read mean Tweets. Aber der Kulturbetrieb braucht da wohl noch etwas Zeit…

4 Kommentare

  1. „Stage directors read mean Facebook comments“ würde ich direkt unterstützen. Glaube die Idee schwirrte auch mal bei musik – mit allem und viel scharf rum, mangelte jedoch an Kontakten zu Starregisseuren^^

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