Mediendarwinismus

Veröffentlicht von Christian Holst am

Mittlerweile habe ich einige Einträge darüber geschrieben, dass ich das Theater für ein antiquiertes Medium halte, das ungeeignet ist, heutige Stoffe und Themen angemessen zu reflektieren. Bei aller Sympathie für diese These, bleibt mir doch die Frage, warum dieser Umstand zwar für das Theater, aber nicht für andere alte Medien, Bücher zum Beispiel, gelten soll. Zwar gibt es vielleicht den ein oder anderen, der den Bedeutungsverlust des Buches bzw. dessen weitreichende Ablösung durch digitale Textspeicher ebenso kommen sieht. Trotzdem glaube ich nicht, dass das Buch so bald zu einem medientechnologischen Museumsstück wird, wie das Theater.

Dafür gibt es zwei Gründe: Zum einen ist die Reichweite eines Mediums entscheidend. Durch die Allverfügbarkeit von Inhalten, den die Digitalisierung mit sich gebracht hat, geraten die alten Medien unter Druck. Medien, die keine Reichweiten erzielen, werden teuer und unrentabel. Bücher sind hier weit weniger anfällig als Theater, die ortsgebunden sind oder deren Mobilität zumindest einen hohen logistischen Aufwand nach sich zieht.

Der andere Grund ist, dass ein Buch keine anderen rezeptiven Anforderungen als ein digital gespeicherter Text stellt. Ob man Goethes Faust lieber als Reclam-Heft oder lieber bei Gutenberg liest, ist vor allem eine Geschmacksfrage. Verstehen kann man den Text in beiden Fällen gleich gut oder schlecht, weil man die gleichen Buchstaben liest und kognitiv verarbeitet. Der Film hingegen hat es gegenüber dem Theater wesentlich leichter, das «Als-ob» zu vermitteln, die illusorischen Möglichkeiten sind um ein Vielfaches größer. Dem kann das Theater nur die Interaktion entgegensetzen und vielleicht noch die Einmaligkeit des Moments, wobei weder das eine noch das andere zwangsläufig ein Qualitätsversprechen bedeutet. (Man denke an Stadelmeiers legendäre Begegnung mit dem interaktiven Theater oder die uninspirierten Repertoirevorstellungen, in denen man schon so saß). Und wahrscheinlich ist es auch nur noch eine Frage von ein paar Jahren, bis der Film auch diese «Unique Selling Propositions» in perfekter Illusion nachbilden kann.


2 Kommentare

Xavier · 27. Januar 2009 um 16:04

Ob man ein Buch online liest oder in der Hand hat, macht vielleicht nicht so einen großen Unterschied. Ganz anders ist das aber bei Konzerten, Theater und
Zirkus. Das Live-Erlebnis kann man nicht online darstellen. Auch der Zufallsfaktur der Improvisation gibt einen besonderen Reiz. Etwas „handgemachtes“ wird immer seinen Charme behalten und meiner Meinung nach nicht von der Bildfläche verschwinden.

CH · 27. Januar 2009 um 16:46

Das stimmt. Etwas Handgemachtes wird seinen Charme behalten. Aber es wird irgendwann auch zum Liebhaberstück und Nischenprodukt. Die meisten kaufen ihre Möbel dann eben doch bei IKEA oder Möbel Roller anstatt sie beim ortsansässigen Schreiner machen zu lassen. Ich glaube auch nicht, dass das Theater verschwinden wird. Ich glaube nur, dass es große zentrale Rolle spielt für gesellschaftliche Selbstreflexion.

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