Kulturinfarkt und Elbphilharmonie

Veröffentlicht von Christian Holst am

Heute morgen lag das kürzlich erschienene Sonderheft der Kulturpolitischen Gesellschaft zum Thema „Kulturinfarkt“ in meinem Briefkasten. Das Titelbild zeigt die Elbphilharmonie-Baustelle. Kein Artikel zum Kulturinfarkt, der nicht mit der Elbphilharmonie-Baustelle bebildert wäre. Das war auch schon bei den Rezensionen und Reaktionen zum Kulturinfarkt-Buch so. Ohne dass der Bau direkt etwas mit der Debatte zu tun hat, wird er dadurch zum Sinnbild des angeblich kurz bevorstehenden Kulturinfarkts. Ist das nicht irgendwie ungerecht? Soweit ich das aus der Ferne mitbekomme, ist das Problem an der Elbphilharmonie ja gar nicht, dass sie gebaut wird, sondern die Kosten, zu denen sie jetzt gebaut werden muss. Wenn man erstmal angefangen hat, kann man keinen Rückzieher mehr machen. Es ist zwar eine Unterstellung, aber nicht völlig abwegig, dass der Bauunternehmer sich diesen Umstand zunutze gemacht hat.
Aber noch mal zum Kulturinfarkt: Aus der Hamburger Musikszene habe ich vernommen, dass das Projekt Elbphilharmonie eigentlich eher eine Frischzellenkur für das Hamburger Musikleben sei. Denn mit der Entscheidung, die Philharmonie zu bauen, sei auch klar geworden, dass Hamburg sich als Musikstadt klar verbessern müsse. Im Rahmen der Elbphilharmonie-Konzerte tauchen jetzt Namen und Programme auf, die Hamburg bis dato nicht gesehen habe und insgesamt sei eine Aufbruchstimmung in der ganzen Stadt zu bemerken. Außerdem: Auch wenn vieles schief gelaufen sei, so müsse man sich doch auch mal vor Augen halten, dass die Investitionssumme von einer knappen halben Milliarde, die nach heutigem Stand aufgebracht werden muss, andernfalls für gerade einmal 50 Autobahnkilometer ausreichen würde. Ohne Tunnel und Brücken wohlgemerkt.
Die Schwachpunkte dieser Argumentation sind offensichtlich: ein schlecht geplantes und kostenmäßig völlig aus dem Ruder gelaufenes Bauprojekt ist nicht die geeignete Basis für einen kulturpolitischen Aufschwung. Denn den hätte man auch günstiger haben können, wie man jetzt sieht, wo die Elbphilharmonie nicht fertig ist, aber das Musikleben aufgeblüht ist. Mit der Ansiedlung von IKEA in Hamburg-Altona am Standort des Künstlerhauses Frappant, das dem Möbelhaus weichen müsste, hat die Stadt ihren neuen stadtentwicklungspolitischen Aufreger. Dass könnte die Elbphilharmonie etwas aus der Schusslinie nehmen, vorausgesetzt, es gibt keine neuen Pannen und Streitigkeiten. Eine andere Option ist, beide Projekte zur «Elchphilharmonie» zusammen zu fassen, wie die Partei vorschlägt. Dort kann man auch sehen, wie das dann aussehen soll.


2 Kommentare

Axel Kopp · 29. August 2012 um 23:01

Ich muss gestehen, dass ich die Diskussion um die Elbphilharmonie nur am Rande verfolge. Die entscheidende Frage ist meines Erachtens nicht, ob der Bau 400 oder 600 Mio. Euro kostet, sondern welche langfristige Strahlkraft die Elbphilharmonie für Hamburg, vielleicht sogar für Deutschland, hat. Wird sie nur ein Gebäude von vielen sein?Oder wird sie das Bild der Stadt nachhaltig prägen? Zumindest hinsichtlich der Kostenexplosion steht sie dem Sydney Opera House schon jetzt in nichts nach. Bleibt die Frage, ob sie nach der Fertigstellung eine ähnliche Magie ausüben kann. Wenn ja, werden die Kosten schnell vergessen sein. Wenn nicht, wird es allen Kulturmanagern für die nächsten 20 Jahre als Worst Practice Beispiel dienen und vermutlich den ein oder anderen (sinnlosen) Neubau einer Kultureinrichtung verhindern – wodurch der Staat langfristig wiederum Geld sparen würde. 😉

    Christian Holst · 8. September 2012 um 12:34

    Eigentlich hätte ich gedacht, dass die Elbphilharmonie ohnehin der letzte grosse Kulturbau sein würde. Aber jetzt soll in München ein neuer Konzertsaal gebaut werden. Offenbar wegen der miesen Akustik in der Philharmonie oder so. So richtig verstehen tue ich das nicht, wo München im Vergleich zu Hamburg doch sehr gut mit Konzertsälen ausgestattet ist. Das Potenzial zum Wahrzeichen hat die Elbphilharmonie schon, aber wenn es nicht gelingt, die Stimmung ins Positive zu drehen, dann wird es wohl mehr ein Mahnmal.

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