Frauenquote im Kulturbereich?

Veröffentlicht von Christian Holst am

Dass Kultur im Bundestagswahlkampf praktisch keine Rolle gespielt hat, liegt in der Natur der Kulturfinanzierung in Deutschland begründet: sie ist Kommunen- und Ländersache. Insofern verwundert es nicht, dass kaum eine der fünf (nunmehr vier) großen Parteien der Kultur mehr als zwei Seiten ihres Wahlprogramms gewidmet hat. Kulturmanagement-Network hat sich dennoch die Mühe gemacht und die Positionen in einer Serie dargestellt. Aufgrund des mauen Interesses und der geringen Bedeutung der Kulturpolitik in der Bundespolitik blieb eine Meldung fast völlig unbeachtet, die jedoch eigentlich einige grundsätzliche Überlegungen provoziert. Und zwar forderte Jürgen Trittin im Namen der Grünen eine Frauenquote für Kulturberufe. Auf den ersten Blick betrachtet hat diese Forderung zumindest mehr Sinn, als Privatunternehmen eine solche Quote aufzuzwingen. Schliesslich leben viele grosse Kultureinrichtungen von staatlichem Geld. Die Vertragsfreiheit, wie sie für private Unternehmen gilt, steht hier also ohnehin unter einem gewissen Vorbehalt politischer Zielsetzungen. Warum also nicht auch unter dem Vorbehalt einer Frauenquote?

Gerade am Beispiel der Kulturbranche wird allerdings deutlich, dass diese angebliche Benachteiligung wenig mit struktureller Diskriminierung zu tun hat, sondern vor allem mit persönlichen Lebensentscheidungen. Dass man in Kulturberufen schlecht verdient und oftmals sogar unter prekären Bedingungen arbeitet, ist bekannt. Das gilt aber unabhängig vom Geschlecht, es ergeht Männern diesbezüglich keinesfalls besser und dürfte vor allem mit dem Überangebot an Arbeitskräften und der nicht stattfindenden Wertschöpfung in diesem Sektor zu tun haben. Auffällig ist aber, dass in der Kulturbranche mehr Frauen arbeiten. Ökonomische Zwänge oder «Vernunftentscheidungen», die hier und da vielleicht den Anstoß zu einem BWL- oder Jurastudium geben, kommen hier nicht in Frage. Die Entscheidung für einen Kulturberuf basiert auf persönlicher Neigung. Der Preis dafür, diese ausleben zu können, ist dann in diesem Fall oftmals die vergleichsweise schlechte Bezahlung. Wenn man also von struktureller Diskriminierung aufgrund schlechter Bezahlung spricht, dann richtet sie sich allenfalls gegen die gesamte Kulturbranche, aber macht sich nicht am Geschlecht fest. Da sich aber mehr Frauen als Männer für diese Branche entscheiden, wirkt sich dies in der Lohnstatistik natürlich zu Ungunsten der Frauen aus.

Nun zielte Trittins Vorschlag natürlich nicht auf Stellen im Kultursektor allgemein, sondern auf die dann doch etwas lukrativeren Führungspositionen. Ich kenne dazu keine genauen Zahlen, aber nach meiner Beobachtung stimmt es schon, dass hier mehr Männer als Frauen zu finden sind. Und die Frauen auf diesen Positionen sind ohne Ausnahme kinderlos. (Auffallend viele Männer aber ebenfalls.) Gut möglich, dass dieser Preis, den eine Führungsposition offenbar verlangt, vielen Frauen zu hoch ist. Trittins Lösungsvorschlag: «Die Aufhebung struktureller Hürden für Frauen im Kulturbetrieb» sei überfällig. Was damit genau gemeint ist, bleibt sein Geheimnis. Vielleicht Krippenbetreuung bis 23.30 Uhr und am Wochenende. Vielleicht spielt er aber auch auf die angebliche «gläserne Decke» an, die Frauen daran hindern soll, auf Führungspositionen besetzt zu werden. Allerdings: Je größer der Frauenanteil in einer Branche grundsätzlich ist, umso deutlicher wird der verschwörungstheoretische Charakter der «Gläsernen Decke»-These. Denn männliche Seilschaften müssten ja mit abnehmendem Männeranteil im gesamten Unternehmen zunehmend brüchiger werden.

Das Hauptargument gegen eine Quote für den Kultursektor liegt aber darin, dass der künstlerische Leistungsausweis allein entscheiden sollte und die Zugehörigkeit zu einem Geschlecht ebensowenig ein Qualifikationskriterium ist, wie eine ethnische oder nationale Zugehörigkeit. Dieses Argument gilt im Grundsatz für jede Branche. Dort wo, wie in der Kunst, ein besonderer Leistungsanspruch besteht aber noch einmal in besonderer Weise, weil das zweit- oder drittbeste Ergebnis nicht genügen kann.


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