Hochkultur als Leitkultur?

Veröffentlicht von Christian Holst am

In der aktuellen Ausgabe des KM Magazins ist nicht nur ein von mir verfasster Rückblick auf das Symposium Kultur digital – ich weiß, ich wiederhole mich – sondern auch ein Rückblick auf die Jahrestagung des Fachverbands Kulturmanagement von Dirk Heinze (S.52ff.). Auf der Jahrestagung wurde offenbar u.a. die Frage diskutiert, ob Hochkultur denn noch Leitkultur sei und nur wenn ja, könne ja eine öffentliche Finanzierung gerechtfertigt werden. Die Frage, was Leitkultur denn eigentlich ist, scheint mir dabei eigentlich viel schwieriger zu beantworten zu sein, als die, ob Hochkultur denn Leitkultur ist.
Spontan verstehe ich unter Leitkultur Kultur, die etwas Charakteristisches über unsere Zeit, Gesellschaft, Werte, Komplexe, Obsessionen etc. mit den ästhetischen Mitteln unserer Zeit sagen kann. Hochkultur – das habe ich hier schon mehrfach beschrieben – benutzt aber zumeist museale Technologien und Medien (Theater, Orchester, Leinwand etc.), deren ästhetische Grenzen gründlich ausgelotet, um nicht zu sagen ausgereizt, sind. Sie kann deswegen gar keine zeitgemäße oder gar zukunftsorientierte Ästhetik vertreten. Ich verstehe deswegen auch gar nicht, was daran provokant sein soll, wenn Bruno Seger laut Heinzes Bericht sagt, dass Theater Museen sind. Natürlich sind sie das. Allerdings kann man da auch durch interessante Programmierung, orignelle Bearbeitungen (Romeo und Julia mit Happy End? – Naja…) und «heutige» Inszenierungen nichts dran ändern. Der ganze Apparat mit all seinen Strukturen, mit seiner ganzen inhärenten Ästhetik ist durch und durch 18./19. Jahrhundert. Die wirklich «heutigen» Geschichten – also die, die ästhetisch innovativ und relevant sind – werden mittlerweile in 3D und THX erzählt oder von HBO oder NBC produziert und vertrieben. Die Begründung, dass es öffentlich finanziertes Theater brauche, weil im Fernsehen nur Schrott käme, die ein Teilnehmer auf dem 3. Forum Kulturvermittlung äußerte, dreht sich ins Gegenteil: Im Theater kommt aufgrund von Zeitdruck und knappen Ressourcen immer mehr Inszenierungs-Routine zustande, während das Fernsehen auch ein anspruchsvolles Erzählmedium ist und bei weitem nicht nur seichten Mainstream, sondern auch experimentelle Formate und anspruchsvolle Inhalte hervorbringt. Wie soll das Theater gegen die Budgets der großen Sender konkurrieren? Und wie soll es eine kulturelle Strahlkraft gegen die Reichweiten der Sender entfalten können? Ein Staatstheater mit irgendetwas zwischen 800 und 2.000 Plätzen konnte früher in kleinen König- oder Fürstentümern kulturelles Agendasetting leisten. Heute wäre dieser Anspruch selbst durch die bedeutendsten Häuser nicht mehr einzulösen, weil das Kino und Fernsehen nicht nur Tausende, sondern Millionen rund um die Welt erreicht. Mich beschleicht daher die Vermutung, dass der Anspruch, dass Hochkultur auch Leitkultur sein sollte, wenn überhaupt, nur noch in abgehobenen kulturtheoretischen Debatten zu halten ist.
Allerdings würde ich nicht den Schluss ziehen wollen, dass damit der Anspruch der Hochkultur auf öffentliche Finanzierung verfällt, denn diese ganzen Überlegungen bedeuten ja nicht, dass Hochkultur keinen Wert mehr hätte oder dass sie nichts mehr zu sagen hätte. Aber es ist ein musealer Wert. Sie zeigt, welchen Blick Künstler früherer Generationen auf die großen Menschheitsthemen Liebe, Verrat, Untreue, Glaube etc. hatten. Und auch wenn Beethovens Musik heute nicht mehr «unerhört» ist, dann ist sie damit ja nicht schlechter als vor 200 Jahren. Bei bildender Kunst ist dieser zeitlose Wert unstrittig. Bei Musik teilweise und im Theater fast durchwegs gibt es allerdings das komische Bestreben, das Zeitlose aufs Heutige zu verkürzen, zum Beispiel – um das Beispiel aus Heinzes Bericht noch einmal aufzugreifen – indem Romeo und Julia von der Tragödie zur Soap umgeschrieben wird. Das kann man machen, gerade wenn es gut ankommt und so etwas wurde auch schon immer gemacht. Nur dürfte ein Kunstwerk durch solche Bearbeitungen kaum je besser werden – in diesem Fall können wir ja abwarten, ob sich diese Bearbeitung allgemein durchsetzt. Trotzdem, die europäische Hochkultur als reichhaltiges, einzigartiges kulturelles Erbe sollte uns auch weiterhin etwas Wert sein – weil man immer noch viel von und an ihr lernen kann. Aber jede Bemühung, die alte Kultur zu einer zu machen, die auf der Höhe unserer Zeit ist, halte ich für letztlich hoffnungslos. Im Museum dagegen hat die Hochkultur einen ehrenwerten Platz, an dem sie sein kann, was sie ist und keinen unerfüllbaren Ansprüchen ausgesetzt ist.


4 Kommentare

Walter Delazer · 9. Februar 2012 um 12:16

Dieser Kommentar versteht sich nicht als Kritik, sondern als Versuch, ein wenig die Begriffe die darin benutzt werden in ihrer Aussagekraft zu relativieren.

Was ist Hochkultur? Hochkultur ist ein irreführender Begriff. Er setzt voraus dass es eine nicht so hohe also scheinbar erreichbarere, zugänglichere Kultur gibt. Abgesehen davon dass Kultur weder hoch noch niedrig ist (da ist ja der Begriff „entartet“ ja nicht weit), so wäre eben auch „niedrige“ Kultur auch Kultur. Lasst uns doch über Kunst reden, als ein Teil des Gesamtaspkets von Kultur. Doch dann passt ja der Leitbegriff nicht dazu und hohe und niedrige Kunst erst recht nicht.

Wer den Begriff „Hochkultur“ nutzt meint diese ja auch gleich als „Leitkultur“. Das Merkmal „Hoch“ wird entweder an der „Höhe“ der öffentlichen Zuwendungen bemessen und/oder an der scheinbaren Wertschätzung des Publikums bzw. der scheinbaren Wertschätzung der „opinion leaders“ oder der Quote im Kulturbereich.

Aus dieser für meine Dafürhalten falschen Voruassetzung leitet man dann auch falsche Schlüsse.

Der Versuch Theaterstücke wie das genannte Stück „Romeo und Julia“ zu aktualisieren (gelungen oder weniger gelungen, sei mal dahingestellt) entspringt dem ästhetischen Spagat des Kulturauftrages (schrecklicher Begriff) an die Stadt-und Staatstheater. In diesem Sinne ist die tatsächlich die Beschreibung „Theater ist museum“ keine provokation sondern konsequent beschriebener Fakt.

Nun kann man aber solchen Versuchen trotzdem nicht das Potential zu großer Kunst absprechen. Nur weil ein Bild eines zeitgenössichen Künstler einen Rahmen hat, ist es nicht zwangsläufig museal.

Der andere falsche Schluss ist den scheinbaren Antagonismus Fernsehen und Theater zu beschwören. Die beiden Medien Theater und TV sind meines Erachtens nicht zu vergleichen oder in eine Konkurrenzsituation zu bringen. Theater ist (um Flusser zu paraphrasieren) ein Diskursmedium vor einer kommunikationstechnisch konkaven Wand, in der auch das Publikum mit seinen potentiellen Äußerungen sich reflektiert. Das Fernsehen ist ein Programmmedium, das man einschalten oder ausschalten kann. In beiden kann Kunst stattfinden oder eben auch nicht.

Wenn ich das Massenmedium Fernsehen mit dem Theater vergleiche, komme ich ungweigerlich eben zum Quotendenken im Theater und Musik und das ist der Tod jeglicher zeitgenössischen künstlerischen Ausdrucksform und bringt genau diese nicht gelungenen Aktualisierungen mit sich, die wir teilweise in den Stadttheatern und Staatstheatern sehen.

Den an sich schon unscharfen Begriff Kultur in „Hochkultur“ und „niedrige“ Kultur einzuordnen, ist der klägliche Versuch den unscharfen und sich stetig wandelnden Begriff Kunst zu fassen. Daraus entsteht eben auch keine „scharfe“ Analyse.

Die Relevanz künstlerischer Ausdrucksformen, und da stimme ich mit Kulturblog überein, ist immer neu zu bestimmen. Ein dafür notwendige Offenheit wird mit den Clusterbegriffen „Hochkultur“ konterkariert.

Christian Holst · 10. Februar 2012 um 10:20

Vielen Dank für den ausführlichen Kommentar.

Ja, klar, die Begrifflichkeiten sind schwierig. Allerdings gibt es ein begriffliches Pendant zur Hochkultur, das in meinen Augen nichts Abschätziges hat: die Subkultur. Diesem Begriff, wörtlich genau das Gegenteil von Hochkultur, haftet in meinem Verständnis etwas Innovatives und Geheimtiphaftes an. Leitkultur dagegen ist natürlich ein belasteter Begriff, deswegen habe ich auch versucht, kurz zu erklären, wie ich ihn im Kontext des Berichts im KM Magazin verstehe.

Des Weiteren denke ich übrigens schon, dass das Fernsehen und das Kino gewissermaßen einen Antagonismus zum Theater bilden. Einmal natürlich weil sie eine Alternative darstellen, aber auch in dem Sinne, als sie ein modernes Medium für performative Künste sind und einen Innovationssprung darstellen, wie von der Pferdekutsche zum Auto. Allerdings verfügt das Theater über das «Alleinstellungsmerkmal» der «absoluten Gegenwärtigkeit».

Das Quotendenken hat in meinen Augen dagegen erstmal nichts mit dem Medium und auch erstmal nichts mit der künstlerischen Qualität zu tun, ist also auch nicht zwangsläufig der Tod zeitgenössischer künstlerischer Aussrucksformen. Inception beispielsweise ist ein Blockbuster, hat aber auch eine anspruchsvolle, komplexe Story, ist kommerziell erfolgreich (unter den 100 erfolgreichsten Filmen) und zugleich ein zeitgenössisches Kunstwerk mit einer «Schöpfungshöhe» (um ein juristisches Wort zu entlehnen), die man im Theater selten sieht. Und ein bedeutender Teil dessen, was an öffentlich finanzierten Bühnen zu sehen ist, ist leidlich unterhaltendes oder inspirierendes Kunsthandwerk von der Stange. (Aufgrund der Produktionsbedingungen kann man da auch gar nichts anderes erwarten.)

Das Theater als Diskursmedium habe ich übrigens nicht verstanden. Was ist mit potenziellen Äußerungen des Publikums gemeint? Was kritische Reflexion unserer gesellschaftlichen Realität angeht, plädiere ich dafür, das Theater nicht zu überschätzen. Da haben gut gemachte Fernsehfilme zu Themen wie Mobbing, Burn-Out, Klimawandel, historische Ereignisse, was auch immer in meinen Augen nicht selten die Nase vorn.

Walter Delazer · 10. Februar 2012 um 11:46

Lieber Herr Holst,
ich habe gerade eine Beschreibung der Flusserschen Kommunikationstheorie gefunden, das vielleicht den Punkt Theater als Diskursmedium beschreibt:

“ (…) 3. Das Theater: Dieses Modell ist dadurch gekennzeichnet, daß der Sender und eine Gruppe von Empfängern einander zugewandt sind und sich der Sender mit dem Rücken zu einer Wand befindet, die daß dahinterliegende abschirmt. Diese Situation treffen wir in der heutigen Pädagogik im Sinne von Frontalunterricht an. Hierbei kann der Sender sowohl nur Vermittler einer Reproduktion (…) oder auch Urheber der Information sein (…). Flusser fügt hinzu, daß diese Struktur und nicht irgendeine Dialogform die Kette der Generationen (Wissensweitergabe von Großeltern über Eltern zu Kindern usf.) bildet.“ Und den Empfänger zum Einwurf, Reaktion, aktiver Reflektion befähigt (meine Anmerkung)

im Unterscheid dazu

“ 4. Das Amphitheater: Hier bilden Sender und Empfänger keine Einheit, sondern der Sender kann sich an einem beliebigen Ort befinden, von dem aus er in den offenen Raum sendet und der Empfänger befindet sich ebenfalls im offenen Raum, wo er von allen Seiten Informationen erhält, die zunächst an keinen konkreten, körperlichen Sender gebunden sind. Das heißt, der Sender sendet ohne konkreten Adressaten und der Empfänger befindet sich, nach Flusser, nicht in einer Phase der Konzentration, wie im Theater, sondern der grenzenlosen Zerstreuung. Flusser sagt, es herrscht totale Kommunikation bei totaler Kommunikationsunmöglichkeit. Dieses Modell entspricht den herkömmlichen Massenmedien.

siehe: http://www.hyperkommunikation.ch/literatur/flusser_kommunikologie.htm

Mein Kommentar zu Ihrem Kommentar folgt in Kürze.

Christian Holst · 18. Februar 2012 um 21:28

Das ist interessant, danke. Der Vergleich Theater und Frontalunterricht impliziert ein Gefälle vom Sender zum Empfänger hin, das ich für unzeitgemäß halte. Das Theater als Anstalt zur Verbesserung der allgemeinen Sitten mag eine wichtige Funktion im 19. Jahrhundert gewesen sein. Aber dieses Gefälle erklärt auch, weswegen die Möglichkeit zum Einwurf in meinen Augen eher theoretisch ist als ein tatsächlicher Vorzug des Theaters.

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